RüstungsInformationsBüro

Informationen zu Waffenproduktion und Rüstungsexporten

Redebeitrag von Jürgen Grässlin am 4. August vor Heckler & Koch

Das zerbrochene Gewehr
– unser Symbol einer Welt ohne Waffen und Militär!

Redebeitrag von Jürgen Grässlin,
anlässlich der DFG-VK-Friedensfahrradtour
vor Heckler & Koch, Oberndorf, am 04.08.2006

Liebe Friedensfreundinnen und Friedensfreunde,

rund um den Globus toben derzeit rund vierzig kriegerische Auseinandersetzungen, über die die Medien nur sehr selektiv berichten. Bis vor wenigen Wochen beherrschten die gewaltsamen Geschehnisse im Irak die mediale Weltbühne. Momentan wird rund um die Uhr über den Beschuss des Nordens Israels durch Hisbollah-Milizen und das Vorrücken der israelischen Armee in den Südlibanon berichtet. Dort ereignet sich derzeit eine menschliche und eine ökologische Katastrophe. In beiden Ländern sterben zumeist unschuldige Zivilisten: Kinder, Frauen und alte Menschen. Im Süden des Libanon sind geschätzte 800.000 Flüchtlinge auf der Flucht. Im Mittelmeer treibt ein riesiger Ölteppich.

Deutschland spielt in der medialen Berichterstattung kaum eine Rolle und findet allenfalls als potentieller „Friedensstifter“ eine kurze Erwähnung. Dabei gibt es zur deutschen Rolle ganz anderes zu berichten: Über Jahrzehnte hinweg hat Deutschland verfeindete Staaten im Nahen und Mittleren Osten mit zivil wie militärisch einsetzbaren „Dual-Use“-Gütern, mit Rüstungsgütern und mit Waffen vollgepumpt.

Besonders dramatisch ist das Ergebnis dieser Fehlsteuerung im Bereich der so genannten „Kleinwaffen“, denn zwei Drittel aller Kriegsopfer sterben durch Gewehrkugeln.

Und so ist es kein Zufall, dass wir uns heute vor deren Werkstor der Oberndorfer Waffenschmiede Heckler & Koch (H&K) versammelt haben. Weltweit befinden sich bis zu zehn Millionen Handfeuerwaffen von H&K im Einsatz. Gemessen an der Zahl der Empfängerländer ist die schwäbische Waffenschmiede „deutscher Rüstungsexportmeister“ und offensichtlich sogar „Weltmeister“ bei Lizenzvergaben im Kleinwaffenbereich.

Seit Jahrzehnten sind auch der Nahe und der Mittlere Osten Zielgebiet der Rüstungsexporte von Heckler & Koch. Noch folgenschwerer als die Direktexporte haben sich die früheren Lizenzvergaben für G3-Schnellfeuergewehr an Saudi-Arabien, Pakistan und insbesondere an den Iran erwiesen, wo auch die H&K-Maschinenpistole MP5 bis heute in Serie nachgebaut wird. Mit den in diesen drei Ländern gefertigten H&K-Waffen wurden der Nahe Osten, die Golfregion sowie weite Teile Afrikas mit Handfeuerwaffen versorgt.

Israel hat H&K-Waffen allenfalls zu Testzwecken erhalten, ansonsten jedoch die eigenen Uzi benutzt. Dafür lieferte Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten vor allem Großwaffensysteme an Israel, allen voran U-Boote, beispielsweise der Dolphin-Klasse. Wenn die israelische Luftwaffe jetzt Städte und Dörfer im Südlibanon bombardiert, kommen dabei in den Kampfbombern deutsche Waffenbestandteile zum Einsatz.

Auf Grund der offensiven Rüstungsexportpolitik zählen Heckler&Koch-Waffen im Libanon, Jemen, in Jordanien, Bahrain, Katar, Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, dem Iran und dem Irak zu den begehrtesten. Sie verfügen über eine „hohe Treffwahrscheinlichkeit auch unter Gefechtsbedingungen“ und sind „unter allen Klima- und Einsatzbedingungen voll funktionsfähig“ – so die H&K-Firmenwerbung. Menschen verkommen in der H&K-Sprache zu „Weichzielen“ bzw. „Soft Targets“. Heckler&Koch-Gewehre gehören zu beliebtesten Mordinstrumenten in den Händen von Terror- und Guerillaeinheiten, aber auch von Kindersoldaten.

Liebe Friedensfreundinnen und Friedensfreunde,
> die Geschäftspolitik von Heckler & Koch ist menschenverachtend!
> Und die H&K-Waffenwerbung ist bösartig und zynisch!

Wer sich, wie ich das getan habe, in Kriegsgebieten die Wunden der Gewehropfer zeigen lässt, stellt fest, dass die Durchschlagskraft der Kugeln aus H&K-Waffen in der Regel tödlich ist. So setzen Soldaten Kalaschnikows häufig ein, um ihre Opfer zu verwunden, G3-Gewehre von Heckler & Koch werden dagegen bevorzugt zum gezielten Töten verwendet. Mehr als 1,5 Millionen Menschen sind bis heute mit H&K-Waffen erschossen worden. Mit anderen Worten: Durchschnittlich wird alle 14 Minuten ein Mensch Opfer einer Kugel, die aus der Waffe eines H&K-Gewehres abgeschossen wird.

Die Opfer der Gewalt im Nahen Osten führen uns eindringlich vor Augen: Waffenlieferungen sind ein aktiver Beitrag zur kriegerischen Austragung von Konflikten. Wer Waffen exportiert, gibt den Schlächtern auf Seiten der Hisbollah und der israelischen Armee die Mordwerkzeuge in die Hand.

Deshalb sagen wir heute unmissverständlich:
> Rüstungsexport ist Behilfe zum Massenmord!

In diesen Tagen wird der Weltöffentlichkeit das Scheitern der Militärs vor Augen geführt. Einmal mehr offenbart sich:
> Aggression und Menschenrechtsverletzungen sind nicht mit neuerlicher Aggression und weiteren Menschenrechtsverlet-zungen zu beseitigen!
> Gewalt ist nicht mit Gegengewalt zu besiegen!
> Ganz im Gegenteil: Terror führt zu Gegenterror, der seinerseits wieder zu Gegenterror führt!

Wer im Nahen Osten ernsthaft Frieden schaffen will, der muss aussteigen aus dieser Eskalationsspirale der Gewalt!

Deshalb fordern wir hier in der Waffenstadt Oberndorf – an einem Ort, von dem aus deutsche Waffen in den Nahen Osten exportiert worden sind – und heute – an einem Tag, an dem wieder mit deutschen Waffen beiderseits der Front gemordet wird, konkrete „Schritte zur Abrüstung“ und zum Frieden:

Von Heckler & Koch und der Bundesregierung – aber auch von den Regierungen der anderen Waffenexportstaaten:
> Stoppen Sie alle Rüstungsexporte!
Von den Kriegsparteien im Nahen Osten:
> Setzen Sie sich für einen sofortigen Waffenstillstand ein!
Von der Führung der Hizbollah:
> Stoppen Sie sofort den Beschuss israelischen Territoriums!
Von der israelischen Regierung:
> Ziehen Sie ihre Armee aus allen eroberten und besetzten Gebieten zurück!
Dauerhaften Frieden im Nahen Osten wird es nur dann geben, wenn:
> die Armeen und Milizen schrittweise entwaffnet werden
> der Nahe Osten eine ABC-waffenfreie Zone ist
> eine internationale Friedenskonferenz einberufen wird, an der alle Beteiligten einbezogen werden – auch Nichtregierungsorganisationen.

Hier läge auch ein Betätigungsfeld einer Bundesregierung, die tatsächlich Frieden schaffen will. Überhaupt gäbe es für Deutschland, für die Europäische Union, die USA und die Vereinten Nationen eine Vielzahl weiterer Möglichkeiten, zum Frieden im Nahen Osten beizutragen.

Wir, liebe Friedensfreundinnen und Friedensfreude, haben uns heute in der Waffenstadt Oberndorf, dem Stammsitz der Rüstungsschmieden Mauser und Heckler & Koch versammelt, um symbolisch mehrere der von H&K entwickelten Gewehre zersägen.

> Wir haben ein M16 gewählt, da dieses US-amerikanische Gewehr von H&K instand gesetzt wird.
> Vor allem aber haben wir den neuen Gewehrtyp G36 gewählt, da sich mit dem G36 die weltweite Katastrophe früherer G3-Exporte und -Lizenzvergaben zu wiederholen droht.

So produziert Spanien das G36 mittlerweile in Eigenregie, auch in Mexiko wird inzwischen offensichtlich ein vergleichbarer Gewehrtyp gefertigt. Ist eine Lizenz vergeben, so werden die Nachbaurechte von den Lizenznehmern häufig zum Export Hunderttausender von Waffen genutzt, so dass deren weltweite Verbreitung letztlich unkontrollierbar wird.

Wir werden das M16 und die G36 in die Form zerbrochener Gewehre zersägen. Das „zerbrochene Gewehr“ ist das Logo der Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK), des RüstungsInformationsBüros (RIB e.V.) und der War Resisters’ International (wri). Gemeinsam setzen wir uns mit vielen befreundeten Friedensorganisationen, die sich im Deutschen Aktionsnetz Kleinwaffen Stoppen (DAKS) zusammengeschlossen haben, für eine friedlichere und gerechtere Welt ein.

Vor drei Jahren habe ich zusammen mit Friedensfreunden im Norden des ehemaligen Bürgerkriegsland Somalia, im heutigen Somaliland, Gewehre zersägt. Diese hängen heute an einem so genannten „Peace Tree“, einem Friedensbaum. Lasst uns viele Friedensbäume schaffen: in Somaliand, in Deutschland, überall in der Welt.

Hierzu möge jede und jeder von euch bei dieser Aktion mitmachen. Mit jedem Streich der Sägen symbolisieren wir unser Ziel:
> Das Ziel einer Welt des friedlichen Zusammenlebens aller Menschen!
> Das Ziel einer Welt ohne Waffen und ohne Militär!

Vielen Dank
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Jürgen Grässlin
j.graesslin@gmx.de, www.juergengraesslin.com, Tel. 0170-611 37 59

Updated: 9. August 2006 — 18:14
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