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Somalische Piraten kapern Rüstungstransport

taz.de berichtete am 13.10.:

Panzer auf hoher See

Als der ukrainischer Frachter „Faina“ in die Hände somalischer Piraten fiel, hatte er Waffen und 30 russische Panzer an Bord. Jetzt rätselt man, wer sie bestellt hat. VON ILONA EVELEENS

Ein Mann in Wickeltuch und langärmligem Hemd winkt von einem kleinen Schnellboot aus den riesigen US-amerikanischen Marineschiffen zu. Ein anderer Mann in Jeans hebt sein Maschinengewehr hoch, wie zum Gruß. Auf den ultramodernen Kriegsschiffen grüßt keiner zurück. Das Schnellboot fährt an ihnen vorbei bis zum ukrainischen Frachter „Faina“. Kisten mit Essen und Thermosflaschen mit Wasser werden an Bord gehoben. Kurz danach rast das kleine Boot zurück an die somalische Küste.

In den Küstengewässern vor Somalia ist seit mehr als zwei Wochen eine absurde Szenerie zu beobachten. Eine Gruppe somalischer Piraten hatte am 25. September die „Faina“ gekapert, ein Schiff aus der Ukraine, wie es immer wieder vor Somalias Küsten passiert. Piraterie ist an sich nichts Neues entlang der 3.000 Kilometer langen somalischen Küste. Allein dieses Jahr sind mindestens 69 Schiffe gekapert worden, darunter große Öltanker. Aber noch nie war die Ladung so explosiv wie die auf der „Faina“. Zur großen Überraschung der Piraten hatte dieses Schiff mehr als dreißig Panzer und andere Waffen an Bord.

Die Waffen sind offiziell für Kenias Militär bestimmt und sollten im kenianischen Hafen von Mombasa abgeliefert werden. Die Piraten besetzten das Schiff, kurz bevor die kenianische Marine es erreichte, um es nach Mombasa zu eskortieren. Die Freibeuter erklärten dann aber, aus den Frachtpapieren gehe hervor, dass die Waffen in Wirklichkeit nicht für Kenia sind, sondern für die Autonomieregierung von Südsudan. Das wird von südsudanesischen Politikern bestätigt, von Kenias Regierung allerdings heftig bestritten. Es wäre eine gigantische Aufrüstung in einer sehr instabilen Krisenregion.

Seitdem haben der Westen und vor allem die US-Amerikaner Angst, dass die Piraten die erbeuteten Waffen an islamistische Rebellen verkaufen, die auf dem Festland von Somalia gegen die vom Westen unterstützte Übergangsregierung von Präsident Abdullahi Yusuf kämpfen und in den vergangenen Monaten immer stärker wurden. Um einen solchen Weiterverkauf zu verhindern, haben ein halbes Dutzend US-Kriegsschiffe die „Faina“ umkreist. Auch ein russisches Marineschiff liegt in der Nähe, weitere Kriegsschiffe sollen unterwegs sein. Moskau ist sehr verärgert, dass diese Waffen russischer Bauart gekapert worden sind.

Die Affäre „Faina“ hat beispiellos hektische diplomatische Aktivitäten in Gang gesetzt. Die EU-Verteidigungsminister beschlossen vorletzte Woche, noch in diesem Jahr eine EU-Marinemission zum Kampf gegen Somalias Piraten aufzustellen; der UN-Sicherheitsrat nahm vergangene Woche eine von Frankreich eingebrachten entsprechende Resolution an. Die Nato gab letzte Woche grünes Licht, um gekaperte Schiffe mit Gewalt zu befreien. Die französische Marine hat dieses Jahr schon zweimal Piraten private Segelbooten abgenommen und ihre Besatzungen befreit. Die Piraten wurden festgenommen und nach Frankreich gebracht, um sie vor Gericht zu stellen.

Täglich wird nun mit einer militärischen Konfrontation um die „Faina“ auf hoher See gerechnet. Das Schiff dümpelt in Sichtweite der somalischen Küste nahe dem Ort Hobyo, aber landen kann es nicht. Die Piraten verlangen vom Eigentümer des Schiffes 10 Million Dollar – ursprünglich lag die Forderung bei 35 Millionen. Der Eigentümer, die Kommandanten auf den ausländischen Kriegsschiffen und die Piraten sind ständig telefonisch miteinander in Kontakt. Aber auch ohne Telefon wird kommuniziert, weil die Schiffe alle in Rufweite liegen. So hat ein US-Schiffsarzt die Besatzung der „Faina“ untersucht. Denn kurz nachdem die Piraten den Frachter in der Hand bekommen hatten, starb einer der Seeleute an einer Krankheit. An einem Morgen erschien die Besatzung in kurzen Hosen und freiem Oberkörper an der Reling. Der US-Arzt spähte durch ein Fernglas, um per Ferndiagnose die Gesundheit der Männer zu kontrollieren. Er sah nichts Außergewöhnliches und die Piraten ließen die Seeleute zurückkehren in die Kühle des Schattens.

Piratenkollegen und Familienmitglieder bringen regelmäßig Nahrung und Wasser in Schnellbooten von Somalia auf die „Faina“. Offensichtlich haben die Seeräuber viel Unterstützung auf dem Festland. „Selbst Funktionäre der Behörden, vor allem in der autonomen Region Puntland, sind an der Piraterie beteiligt“, erzählt Abdulqadir Muse Yusuf, Staatssekretär für die Häfen von Puntland, der Nordostregion Somalias, die eine eigene Autonomieregierung hat und aus der auch Somalias Präsident Abdullahi Yusuf kommt. „Sie helfen mit Lebensmitteln und Waffen und im Tausch erhalten sie ein Teil des Lösegeldes.“ Er erklärt auch, dass die Behörden zwar regelmäßig Piraten zur Fahndung ausschreiben. Aber rätselhafterweise wurde nur selten einer verhaftet.

Jeder kennt jeden in Somalia, und in Puntland weiß man genau, wer die Piraten sind. Aus der Hauptstadt Mogadischu berichtet eine Lehrerin: „Hier zirkulieren Gerüchte, dass ein Teil des Lösegeldes an Präsident Yusuf geht. Der benutzt es, um sich Loyalität zu kaufen. Seine Armee und die äthiopischen Truppen, die ihm helfen, verlieren ein immer größeres Gebiet an die Islamisten.“

Die Piraterie bringt auf jeden Fall Geld nach Somalia, eines der ärmsten Länder der Welt, dessen Bevölkerung mehrheitlich ständig hungert. Vor der Küste in der Nähe des Puntland-Ortes Eyl liegen verschiedene gekaperte Schiffe, während die Piraten mit den Eigentümer über Lösegeld verhandeln. „Piraten kaufen Autos, heiraten mehrere Frauen und bauen große Häuser. Die Nachfrage nach Baumaterialien ist wahnsinnig gestiegen“, erzählt Mohammed, ein Einwohner von Eyl. Er weigert sich, seinen Nachnahmen zu nennen aus Angst vor Rache. „Sie versprechen auch, Schulen und Straßen zu bauen. Aber vorläufig ist davon nichts zu sehen, außer das früher eine Tasse Tee hier ein paar Groschen kostete und jetzt 75 Eurocent.“ Man schätzt, dass im diesem Jahr somalische Piraten ungefähr 30 Millionen US-Dollar an Lösegeld kassiert haben.

Doch die Hilfe für die mehr als drei Millionen Somalier, die den Kämpfen entflohen sind und völlig mittellos als Kriegsvertriebene unter freiem Himmel entlang der Straßen leben, wird durch die Piraterie noch schwerer, als sie es ohnehin ist. Große Ladungen Nahrungshilfe können nur mit Schiffen nach Somalia gebracht werden. Die meisten Schiffseigentümer weigern sich aber, seit verschiedene Frachter mit Hilfsgütern gekapert wurden. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon warnte kürzlich: „Marineschiffe aus den Niederlanden, Frankreich, Dänemark und Kanada haben kurze Zeit die Nahrungsschiffe bis in den Hafen von Mogadischu begleitet. Kanada hört damit Ende Oktober auf und noch hat kein anderes Land angeboten, den Schutz zu übernehmen. Ohne Eskorte werden die Schiffe nicht ankommen und ohne Hilfe werden noch mehr Menschen sterben.“

Durch die Kaperung der „Faina“ gewinnt Somalias Piraterie internationale Aufmerksamkeit. Militärexperten meinen, dass nur ein überraschender Kommandoangriff das Schiff befreien kann. Aber die Piraten haben gedroht, die „Faina“ in die Luft zu jagen, wenn sie angegriffen werden. Und sie wollen bis zum letzten Mann kämpfen. Jennifer Cooke vom US-amerikanischen Zentrum für Strategische und Internationale Studien meint, dass am Ende die Piraten mit dieser Haltung lebendig davonkommen dürften. „Ihre selbstmörderische Haltung sorgt dafür, dass die Marineschiffe zwar in der Nähe liegen, aber wenig machen können außer warten – bis die Verhandlungen mit dem Schiffseigentümer abgeschlossen sind.“

SOMALIA

Somalia hat keine Zentralregierung mehr, seit Rebellen 1991 Militärdiktator Siad Barre stürzten und sich danach zerstritten. Das nördliche Drittel spaltete sich damals als „Republik Somaliland“ ab, im Rest des Landes herrscht Bürgerkrieg. Seit einem Einmarsch Äthiopiens Ende 2006 regiert in der Hauptstadt Mogadischu eine Übergangsregierung unter Präsident Abdullahi Yusuf. Er kontrolliert zugleich die Autonomieregierung seiner Heimatregion Puntland, das nordöstliche Drittel des Landes. In Mogadischu und dem südlichen Drittel Somalias bekämpft diese Regierung radikale Islamisten, die in Mogadischu bis zu Äthiopiens Einmarsch regiert hatten. Vor wenigen Monaten nahmen die Rebellen den südsomalischen Hafen Kismayu ein, und weiter nördlich sind viele Hafenstädte unter Kontrolle lokaler Milizen, die sich durch Seeräuberei finanzieren. Bisher sind dieses Jahr 69 Überfälle von Piraten auf Schiffe im Meer vor Somalia registriert worden.

Im Rahmen der Anti-Terror-Operation „Enduring Freedom“ überwachen die Kriegsmarinen der USA und europäischer Länder Somalias Küsten. Wegen der zunehmenden Seeräuberei sollen sie jetzt auch Piraten bekämpfen. Für eine politische Stabilisierung Somalias interessiert sich die internationale Gemeinschaft derzeit nicht. D.J.

http://www.taz.de/1/politik/afrika/artikel/1/panzer-auf-hoher-see


SPIEGEL ONLINE berichtete:

26. September 2008

KENIA: Piraten entern Frachtschiff mit Panzern an Bord

Vor der Küste Somalias haben Piraten einen angeblich mit 30 Panzern beladenen Frachter aus der Ukraine überfallen. Auch die 21-Mann-Besatzung soll in der Gewalt der Entführer sein.

Kiew – In Internationalen Gewässern vor der Küste Somalias schlugen die Piraten am Donnerstagnachmittag gegen 16 Uhr zu. Der Kapitän des unter der Flagge von Belize fahrenden Frachters „Faina“ konnte noch über Funk mitteilen, dass sich drei Boote mit Bewaffneten an Bord dem Schiff näherten – dann brach die Verbindung ab.

Besonders brisant ist offenbar die Ladung des Frachters: An Bord sollen sich der Nachrichtenagentur Interfax zufolge 30 Panzer des Typs T-72 sowie zahlreiche Ersatzteile befinden. Die „Faina“ soll mit den Rüstungsgütern unterwegs nach Kenia gewesen sein, hieß es unter Berufung auf die russische Reederei Sowfracht. Das Verteidigungsminsterium der Ukraine wollte diese Meldung bisher nicht bestätigen.

Wie das Außenministerium der Ukraine mitteilte, besteht die 21-köpfige Besatzung des Frachters aus drei Bürgern der Russischen Föderation, 17 Ukrainern, und einem Letten. Die Botschafter Großbritanniens, der Ukraine und Kenias seien damit beauftragt, die Situation zu untersuchen, hieß es.

Die somalischen Gewässer gelten als die gefährlichsten der Welt. In den vergangenen Monaten kam es dort zu zahlreichen Piratenangriffen. Erst in der vergangenen Woche hatten Piraten ein griechisches Frachtschiff mit Raketen beschossen und in ihre Gewalt gebracht. Vor zehn Tagen befreite eine französische Spezialeinheit ein französisches Segelboot aus den Händen somalischer Piraten. Im Sommer waren auch zwei deutsche Segler vor der Küste Somalias entführt und wochenlang festgehalten worden. Im Golf von Aden und im Roten Meer sollen Patrouillenboote der in Dschibuti stationierten multinationalen Anti-Terror-Task-Force für mehr Sicherheit sorgen.

ala/dpa

 

NZZ Online zum gleichen Thema:

28. September 2008, NZZ am Sonntag

Dreiste Piraten vor Somalia

Die Piraten, die vor Somalia ein Schiff mit 33 Kampfpanzern an Bord gekapert haben, fordern ein Lösegeld von 35 Millionen Dollar. Unklar ist, für wen die Panzer bestimmt waren.
Kurt Pelda

Somalische Piraten haben ein ukrainisches Schiff gekapert, das angeblich 33 russische Panzer vom Typ T-72, Ersatzteile und Kleinwaffen transportierte. Das Kriegsmaterial sollte im kenyanischen Hafen Mombasa gelöscht werden. Dort befinden sich Kräne, die schwere Panzer abladen können. Ein Sprecher der Seeräuber erklärte am Samstag, man fordere ein Lösegeld von 35 Millionen Dollar für die Freilassung der «Faina». Laut der Nachrichtenagentur AFP dirigieren die Piraten das Schiff nach Zentralsomalia, wo sich die von Islamisten kontrollierten Fischerhäfen Hobyo und Harardere befinden.

Die beiden Orte sind bekannt als Basen von Piraten, doch war von ihnen in letzter Zeit weniger die Rede als von den weiter nördlich gelegenen Häfen Eyl und Garad. Hochseeschiffe können alle diese Häfen nicht benützen. Sie müssen vielmehr vor der Küste im offenen Meer ankern. Es ist also ausgeschlossen, dass die Piraten die tonnenschweren Panzer unbeschadet an Land bringen können. Es besteht aber die Gefahr, dass anderes Kriegsmaterial, das sich ebenfalls an Bord befinden soll, in die Hand von somalischen Kampfgruppen fällt. Wohl aus diesem Grund hat ein in der Region operierendes US-Kriegsschiff die Verfolgung aufgenommen. Auch die russische Marine hat ein Schiff ans Horn von Afrika beordert, doch dürfte es Tage dauern, bis es im Einsatzgebiet eintrifft.

Ein Regierungssprecher in Nairobi erklärte unterdessen, die Ladung der «Faina» sei für Kenya bestimmt. Dies erscheint wenig glaubwürdig, denn Kenyas Armee ist ausschliesslich mit westlichen Waffen und Fahrzeugen ausgerüstet. Das in Mombasa beheimatete East African Seafarers‘ Assistance Programme, das gewöhnlich gut über die Piratenakte vor Somalia informiert ist, liess dagegen verlauten, die Panzer seien für den weitgehend autonomen Südsudan bestimmt. Der einzige Hafen, den der Südsudan ohne Zustimmung aus der sudanesischen Hauptstadt Khartum benützen kann, ist Mombasa. Und im Gegensatz zur kenyanischen Armee verfügen die im Südsudan regierenden ehemaligen Rebellen über eine Vielzahl von Waffen aus ehemals sowjetischen Beständen.

 

 

Updated: 15. Oktober 2008 — 11:55
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