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„Fortschritt” à la EADS: Drohnen statt Kampfflugzeuge

Aus der Financial Times Deutschland vom 03.11.2008:

Drohnen statt Kampfflugzeuge

Dossier

EADS steuert Militärsparte um

von Gerhard Hegmann (München)

Die EADS-Militärflugzeugsparte steht vor einem tief greifenden Strukturwandel: Neue Modelle sind derzeit nicht geplant, und einige Europäer zögern, die letzten Eurofighter zu bestellen – die Hoffnungen ruhen auf Indien.

Zwar wird jetzt erstmals der Kampfjet Eurofighter rund um die Uhr im Drei-Schicht-Betrieb für die deutschen Streitkräfte gefertigt. Um langfristig weiter zu wachsen, muss aber neues Geschäft aufgebaut werden. „Unsere Zukunftsfelder sind Service und unbemannte Flugzeuge. Wir bereiten uns auf den nächsten Technologiesprung mit der Kombination aus bemannten und unbemannten Kampfflugzeugen vor“, sagte Bernhard Gerwert, Leiter des Geschäftsbereichs Military Air Systems in einem FTD-Gespräch.

„Bis 2020 soll sich der Umsatz von zuletzt 2,1 Mrd. Euro verdoppeln“, betonte der Manager. Wie viel Gewinn dann übrig bleiben soll, sagte Gerwert jedoch nicht. „Unser Ziel ist es, mindestens die Renditen der Wettbewerber zu erreichen. Wir wollen auch weiterhin die ertragsstärkste Geschäftseinheit im Konzern bleiben.“

Die Eurofighterproduktion ist das Herzstück der gesamten Rüstungsaktivitäten von EADS. Das Geschäftsfeld lieferte 2007 knapp 40 Prozent der Rüstungsumsätze des Konzerns. Während in den USA noch das 300-Mrd.-Dollar-Projekt des Joint Strike Fighter (JSF) vor der Realisierung steht, gibt es in Europa keine Pläne für neue Großvorhaben mit bemannten Jets. Vor diesem Hintergrund muss sich der EADS-Geschäftsbereich neu ausrichten.

Derzeit steuert der Eurofighter 45 Prozent zum Spartenumsatz bei. 35 Prozent entfallen auf Service und der Rest auf unbemannte Flugzeuge und Strukturbauteile. Gerwert: „Im Jahr 2020 wollen wir etwa 40 Prozent Umsatz mit Service und 25 Prozent mit unbemannten Flugzeugen erzielen. Der Eurofighter-Anteil könnte dann durch Exporte bei etwa 35 Prozent liegen.“

Schlüsselbaustein für die Neuausrichtung ist die Verlagerung und Bündelung der Aktivitäten der Sparte am Militärflughafen Manching bei Ingolstadt. In den vergangenen zwei Jahren wurden gut 100 Mio. Euro in neue Gebäude und Infrastruktur investiert. Mitte November wird das militärische Luftfahrtzentrum offiziell in Betrieb genommen. Rund 2400 Stellen werden von der EADS-Zentrale in Ottobrunn nach Manching verlegt. Zum Jahresende sollen rund 5500 Mitarbeiter in Manching arbeiten.

Dort sind dann von der Entwicklung über die Produktion, Probeflug und Service alle Aktivitäten gebündelt. „Wir bauen Stellen auf“, sagt Gerwert. So werden noch rund 200 Luftfahrtingenieure für den Standort Manching gesucht.
Während derzeit die zweite Tranche des Eurofighters produziert wird, gibt es nach wie vor keinen politischen Beschluss über den Start der dritten Tranche. Die Produktion soll 2012 anlaufen. Bislang zögern allerdings Großbritannien und Italien mit der Bestellung.

Von Deutschland und Spanien sind keine Vorbehalte bekannt. „Wir brauchen spätestens im ersten Quartal 2009 Klarheit über die dritte Tranche. Sonst drohen eine Fertigungsunterbrechung und außerdem Schadensersatzforderungen“, sagte der Manager. Er räumte ein, dass vor dem Hintergrund der Haushaltsbelastungen durch die Finanzmarktkrise die Entscheidungen nicht leichter werden. Vor zehn Jahren hatten Deutschland, Großbritannien, Italien und Spanien den Bau von 620 Eurofightern in drei Tranchen vertraglich vereinbart.

Zu den größten Zukunftshoffnungen für das Flugzeug zählt die Ausschreibung Indiens für 126 Kampfjets. Neben dem Eurofighter buhlen fünf andere Modelle und Hersteller um den Auftrag über etwa 10 Mrd. $. „Wir bieten den Indern eine direkte Beteiligung an der Weiterentwicklung des Eurofighters an“, sagte Gerwert. Beispielsweise könnte gemeinsam ein neues elektronisches Radar entwickelt werden. Während die US-Wettbewerber Modelle wie die F-16 oder F-18 anbieten, die seit Jahrzehnten im Einsatz sind, stehe der Eurofighter noch am Anfang technologischer Fortschritte. „Hier könnten wir Indien einbinden. Dies ist ein strategischer Vorteil für uns“, sagte Gerwert.
Der Eurofighter habe daher trotz der US-Dominanz bei internationalen Ausschreibungen „genauso gute Chancen wie die anderen Anbieter“. Gerwert würdigt auch die „intensive Unterstützung durch die Berliner Regierung“ bei dem Indien-Projekt. Nach den Ausschreibungsbedingungen muss der Gewinner 50 Prozent des Auftragswertes, also rund 5 Mrd. $, zusätzlich in die indische Rüstungsbranche oder in zivil und militärisch nutzbare Güter investieren. Dies könnte eine indische Flugzeugteileproduktion oder eine Beteiligung an einer Rüstungsfirma sein.

Aus der FTD vom 03.11.2008
© 2008 Financial Times Deutschland, © Illustration: AFP, FTD.de

Updated: 4. November 2008 — 20:31
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