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Geheime Deals – Kongo im Visier der Waffenhändler (ZDF-Doku)

Eine sehr sehenswerte Dokumentation, sie ist bis 12.2. in der ZDF-Mediathek abrufbar.

03.02.2009
http://dokumentation.zdf.de/ZDFde/inhalt/10/0,1872,7512202,00.html

Geheime Deals – Kongo im Visier der Waffenhändler

von Winfried Schnurbus

„Eine Kalaschnikow bekommen Sie im Kongo ohne Probleme für 30 Euro, innerhalb von einer Minute“, sagt Gerd Hankel vom Hamburger Institut für Sozialforschung. Gerd Hankel kennt sich aus in der Region am Kivu-See, wo Tag für Tag tausend Menschen getötet werden. Seit vielen Jahren reist er immer wieder dorthin, wo der wohl grausamste Bürgerkrieg wütet.


Das sinnlose Töten und Ausrotten ganzer Dörfer im Osten des Kongo begann vor 15 Jahren, mit dem Genozid in Ruanda. Seitdem terrorisieren Milizen der Tutsi und Hutu, marodierende Banden und eine Armee, die keiner wirklich kontrolliert, das Land. Tausende notdürftig verscharrte Leichen in Massengräbern, verstümmelte Kinder, die das Lachen verlernt haben, vergewaltigte Frauen mit leerem Blick, zehntausende Menschen, die auf der Flucht mit nichts als ihrem nackten Leben die Straßen entlang hasten, verlassene, ausgebrannte Dörfer und betrunkene, johlende Männer, Jugendliche und Kinder mit Gewehren – das sind die Bilder, die den Ostkongo prägen.

Fünf Millionen Tote

„Die AK47, die Kalaschnikow, ist eine Einkommensquelle“, sagt Gerd Hankel. „Mit der Waffe in der Hand kann jeder seine materiellen Bedürfnisse, seine sexuelle Gelüste befriedigen, so abartig sie auch sein mögen. Also Frauen vergewaltigen. Und das alles straffrei. Die Kalaschnikow sichert ihm in gewisser Hinsicht Immunität.“ – „Hier herrscht absolute Rechtlosigkeit. Jeder bewaffnete Mann, gleich welcher Partei, fühlt sich berechtigt, alles in Besitz zu nehmen, was ihm begegnet“, ergänzt Augustin Augier von der Hilfsorganisation ‚Ärzte ohne Grenzen‘. „Niemand ist sich seiner Haut sicher. Es gab fünf Millionen Tote.“


Es sind die Großen dieser Welt, die Mächtigen wie Amerika, Russland, China, England und Frankreich, die den Bürgerkrieg in der Kivuregion am Kochen halten. Sie gehen skrupellos und ungehemmt ihren Interessen nach: politischer Einfluss, Macht und ganz besonders der Griff nach den gewaltigen Bodenschätzen dort: Coltan, Gold, Edelsteine. Deshalb drücken sie beide Augen fest zu, wenn über Uganda und Ruanda ungebremst Waffen in den Kongo fließen. „Sie lassen zu, dass das Land ausgeplündert wird, um die Waffen zu bezahlen, weil sie selbst davon profitieren“, beklagt Gerd Hankel. „da ist es ihnen egal, wenn die Menschenrechte mit der Kalaschnikow außer Kraft gesetzt werden.“

Gewehre aus alten Sowjetdepots

Für die Erlöse der Minen, in denen selbst Kinder unter sklavenähnlichen Bedingungen schuften, liefern skrupellose Waffenschieber Gewehre und Munition auf Bestellung und oft genug im Auftrag von Regierungen. Die Waffen wiederum ermöglichen es den Milizen, die Kontrolle über die Minen zu halten. Ein teuflischer Kreislauf. Die Hehler stammen meist aus Russland oder aus der Ukraine. Die Ware kommt oft aus alten Sowjetdepots. In manchen Fällen führt die Spur aber auch zu den großen Herstellern, die auf offiziellen Waffenmessen ihre neusten Entwicklungen feilbieten. Die Zwischenhändler – manche, wie der Franzose Jean de Tonquedec, geben offen zu, im Auftrag ihrer Regierung zu liefern. „Das läuft ‚cash and carry‘. Man muss sofort bezahlen, um an die Ware zu kommen, “ beschreibt de Tonquedec die ‚Geheimen Deals‘. „Deshalb sind Zwischenhändler so wichtig.“


Mit ihren Antonows fliegen sie wahre Irrwege über den halben Planeten, um die Spuren ihrer dunklen Geschäfte zu verschleiern. Sie transportieren auch harmlose Waren für Regierungen und Hilfsorganisationen, um einen sauberen Leumund aufzubauen. Allein die Seriennummern sichergestellter Gewehre im Kongo beweisen, wer wann woher geliefert hat. Einer der berüchtigten Waffenschieber, der ehemalige sowjetische Geheimdienstler Viktor Bout, konnte am 6. März 2008 im Rahmen einer internationalen Polizeiaktion in Thailand geschnappt werden. Doch ob und wo ihm für seine kriminellen Machenschaften der Prozess gemacht wird, bleibt abzuwarten. Und ob er je verurteilt wird?

USA verhindern Abkommen

Ein weltweites Abkommen, das die strafrechtliche Verfolgung von Zwischenhändlern zulässt, ist bei den Vereinten Nationen erst in Arbeit. Arbeitsgruppen haben gerade erst begonnen, darüber zu beraten. „Bis ein solcher Vertrag umgesetzt ist, dürften noch mindestens 20 Jahre vergehen“, sagt Gerd Hankel, „im Moment ist ein solches Abkommen noch eine Utopie.“ Denn die USA haben bereits klipp und klar gesagt, dass sie die Unterschrift verweigern. Der ehemalige Botschafter der USA bei den UN machte unmissverständlich klar, was die Amerikaner nicht zulassen werden: „Wir unterstützen keine Maßnahmen, die den legalen Handel und die legale Herstellung von Kleinwaffen einschränken. Wir unterstützen keine Maßnahmen, die Zivilisten den Besitz von Kleinwaffen untersagen. Wir unterstützen keine Maßnahmen, die den Handel mit Klein- und Leichtwaffen einschränken.“


Ein Standpunkt, der nachvollziehbar ist. Denn es geht um Bodenschätze, es geht um Macht und es geht darum, dass die Fließbänder in den eigenen Waffenfabriken laufen. Doch die Amerikaner stehen nicht allein da: auch Russen, Chinesen und all die anderen sind an deren Seite: „Gerade die Chinesen. Von denen wissen wir, dass in deren Außen- und Militärpolitik solche Begriffe wie Moral oder Ethik keine große Rolle spielen“, sagt Hankel. 700 Millionen Feuerwaffen sind weltweit im Umlauf, jedes Jahr werden 14 Milliarden Schuss Munition hergestellt – zwei Kugeln für jeden Menschen. Kein Wunder, wenn im Kongo jeden Tag Kinder ihre Eltern verlieren, bei den Milizen ihre neue Familie finden und lernen, wie viel Macht eine Kalaschnikow verleiht. Morden wird zu ihrem Alltag – mehr bringt ihnen keiner bei, und nicht nur im Ostkongo.

Updated: 5. Februar 2009 — 16:37
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