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»Alle 14 Minuten stirbt ein Mensch durch H&K-Waffe«

Tageszeitung Junge Welt / 06.03.2009 / Inland / Seite 2

»Alle 14 Minuten stirbt ein Mensch durch H&K-Waffe«

Waffenschmiede Heckler & Koch ist das tödlichste deutsche Unternehmen. Demo am Samstag. Ein Gespräch mit Jürgen Grässlin

Frank Brendle

Jürgen Grässlin ist Bundessprecher der Deutschen Friedensgesellschaften – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK), die zusammen mit anderen Friedensorganisationen am kommenden Wochenende zum Protest gegen den Waffenhersteller Heckler & Koch im schwäbischen Rottweil und Oberndorf aufruft.

Im Vergleich zu Rüstungsgiganten wie EADS oder Rheinmetall erscheint die Gewehrfirma Heckler & Koch (H&K) eher wie ein David unter den Rüstungsschmieden.

H&K ist Europas führender Pistolen- und Gewehrproduzent. Mehr als 1,5 Millionen Menschen sind bis heute mit H&K-Waffen erschossen, weitaus mehr verwundet und verstümmelt worden. Durchschnittlich alle 14 Minuten stirbt ein Mensch durch eine Kugel aus dem Lauf einer H&K-Waffe. In diesem Sinne könnte man vom tödlichsten deutschen Unternehmen sprechen.

Was stellt H&K außer dem bekannten Sturmgewehr G3 noch her?

Die sogenannte Waffenfamilie von H&K reicht von Pistolen über Maschinenpistolen, Schnellfeuergewehre bis hin zu Maschinengewehren und Granatwerfern. Am bekanntesten sind die Maschinenpistole MP5, das G3-Gewehr und das noch wesentlich präziser schießende neue G36-Gewehr.

Im Protestaufruf stellen Sie einen Zusammenhang zwischen Heckler&Koch und der NATO her. Warum?

Beide feiern 2009 ihr 60jähriges Bestehen. H&K ist einer der bedeutendsten Waffenlieferanten des westlichen Militärbündnisses. Über 15 Staaten, darunter zahlreiche NATO-Mitglieder, haben G3-Nachbaurechte erhalten und zum Teil Lizenzwaffen in Kriegsgebiete weiterexportiert. Bis 2018 wird der Abschluß der Produktion von mindestens 500 000 HK33-Lizenzgewehren bei MKEK in der Türkei erwartet.

Bei NATO-Spezialeinheiten finden sich H&K-Waffen an vorderster Front, die USA und Großbritan nien verwendeten sie im Irak. Das Kommando Spezialkräfte (KSK) der Bundeswehr nutzt vornehmlich H&K-Waffen. Auch die US-Söldnerfirma Blackwater setzte G36-Gewehre im Irak und offenbar auch in Afghanistan ein.

Aber auch Guerillaeinheiten schätzen die Treffgenauigkeit der H&K-Waffen, wie der Sendero Luminoso (Peru), die FARC (Kolumbien), die PKK (Kurdistan). Das Logo der RAF zierte eine MP5-Maschinenpistole. Im März 2003 wurde der serbische Ministerpräsident Goran Djindjic mit einem G3-Scharfschützengewehr erschossen. Fotografien belegen den Einsatz von MP5-Maschinenpistolen bei Hamas-Kämpfern im Gaza-Streifen Anfang 2009 und bei Exekutionen seitens der Taliban.

Ist die Finanzkrise ein Problem für H&K?

Im Gegenteil. Der Jahresumsatz beträgt etwa 150 Millionen Euro, die erteilten und erwarteten Aufträge summieren sich auf rund 700 Millionen Euro.

Wenn die Bundesregierung den H&K-Exportwünschen keinen Riegel vorschiebt, werden die G3 und MP5 weltweit durch die noch treffsichereren G36 und P7 ersetzt. Spanien hat bereits eine G36-Lizenz erhalten. Angesichts der Genehmigungspolitik der Bundesregierung wird dieses Gewehr ein Exportschlager – wohlgemerkt in den Händen von NATO-Soldaten und Polizisten und durch Beutewaffen bei Guerillaeinheiten und Terroristen. Die neue Waffengeneration ist erheblich leichter, was sie auch für Kindersoldaten »interessant« macht. Das G36 könnte zur Killerwaffe Nr. 1 auf den Schlachtfeldern der Welt avancieren.

Oberndorf ist ein beschauliches Städtchen, in dem H&K der größte Arbeitgeber ist – demonstrieren Sie da nicht in feindlicher Umgebung?

Unser Zauberwort heißt Konversion. Die Umstellung auf eine sinnvolle zivile Fertigung schafft nicht nur neue, sondern auch ethisch und moralisch verantwortbare Arbeitsplätze. Wir reichen jedem die Hand, der sich dem Geschäft mit dem Tod verweigert. Nach der Demo werden wir das ganze Jahr über Vorträge, Podiumsdiskussionen, Kulturveranstaltungen und Aktionen in Oberndorf und im Kreis Rottweil veranstalten.

Die Demo trägt das Motto »Maskerade des Todes«. Was ist damit gemeint?

Der Protest ist kreativ und künstlerisch: Einer Jubelparade von Rüstungsmanagern, Bankern und dem Tod folgen Soldaten mit H&K-Waffenimitaten und zuletzt ein Trauerzug für die H&K-Opfer. In der Waffenstadt Oberndorf wird das seine Wirkung nicht verfehlen.
Auftaktveranstaltung am Freitag, 6. März, 20 Uhr, Kolping-Gemeindehaus Rottweil.

Demo: Samstag, 7. März, 12 Uhr, Bahnhof Oberndorf.

Updated: 6. März 2009 — 10:00
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