RüstungsInformationsBüro

Informationen zu Waffenproduktion und Rüstungsexporten

DAKS-Newsletter September ist erschienen!

„60 Jahre Heckler & Koch: kein Grund zum Feiern!“ unter diesem Motto führt ein Bündnis verschiedener Organisationen seit Beginn des Jahres Aktionen aus, die den Skandal der Existenz dieser Firma öffentlich machen sollen. Im Interview führt Jürgen Grässlin aus, warum Heckler & Koch das tödlichste Unternehmen Deutschlands ist.

André Maertens gibt einen Überblick über die Ursprünge des Unternehmens im so genannten 3.Reich und die seit Jahrzehnten ungebrochene Ausrichtung der Produktion auf Kriegsprodukte und ihren Export.

Es bleibt die Hoffnung, dass das 60. Firmenjubiläum das letzte große Jubiläum der Firma gewesen ist. Die Prozesse gegen Victor Bout, Charles Taylor und Jean-Pierre Bemba zeigen, dass die Internationale Staatengemeinschaft mittlerweile nicht mehr den systematischen Bruch humanitärer Grundsätze toleriert. Vielleicht besteht also Hoffnung, dass in gleicher Weise einmal auch der Handel mit Waffen geächtet wird.

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DAKS-Kleinwaffen-Newsletter

Informationen des Deutschen Aktionsnetzes Kleinwaffen Stoppen – Ausgabe 09/09

Waffenhändler vor Gericht

Am 6.3.2008 wurde der mit internationalem Haftbefehl gesuchte Waffenhändler Victor Bout in Thailand verhaftet (vgl. DAKS-Newsletter 04/2008). Nun hat ein thailändisches Gericht die Auslieferung Bouts in die USA – die US-Drogen­­­bekämpfungsbehörde hatte die Verhaf­tung ausgelöst – endgültig abgelehnt. Als Grund wird laut International Herald Tribune angeführt, dass Bout keine Rebellen mit Waffen zu beliefern beabsichtigt habe, sondern ausschließ­lich legitime Kriegsparteien: Die kolum­b­ianische FARC, die seit vier Jahrzehnten auf Kosten der Bevölkerung Krieg gegen die Zentralregierung zu führen versucht und diesen Kampf mit Hilfe von Drogenanbau und -schmuggel finanziert.

Die geplante Waffenlieferung, die zu seiner Verhaftung führte, soll angeblich 700 bis 800 Boden-Luft-Raketen, 5000 AK-47-Sturmgeweh­re mit dazugehöriger Munition, Landminen, Sprengstoff und Aufklärungs-Drohnen umfasst haben.

Vor allem in den 1990er Jahren soll er erfolg­reich Waffen an Kriegsparteien in aller Welt verkauft haben. So soll er mit Hilfe gefälsch­ter Endverbleibserklärungen zwischen 1996 und 1998 Waffen nach Angola importiert haben. Auch die Warlords Afghanistans sollen auf seiner Empfängerliste gestanden haben – und zwar sowohl die Taliban als auch die spätere Nord-Allianz, die mit Hilfe von NATO- und US-Truppen die Taliban aus Kabul vertreiben konnte. Und auch an den damaligen liberia­nischen Präsidenten Charles Taylor soll er Waffen vermittelt haben, die dieser im liberianischen Bürgerkrieg eingesetzt und an befreundete Guerilla-Gruppen in Sierra Leone weitergegeben habe. Die Bezahlung könnte in so genannten „Blutdiamanten“ bestanden haben.

Ob all diese Gerüchte der Wahrheit entsprechen oder nicht, darüber kann man zum gegen­wärtigen Zeitpunkt nur spekulieren. Die Entschei­­dung, Bout auf freien Fuß zu setzen, was mittelfristig zu einer Rückkehr nach Russland und der faktischen Einstellung aller laufenden Verfahren führen könnte, wird die Suche nach der Wahrheit jedoch nicht erleich­tern.

Nicht weniger spektakulär entwickelt sich der Prozess gegen Charles Taylor vor dem Special Court for Sierra Leone mit Verhandlungsort in Den Haag. Am 14. Juli 2009 begann er seine Verteidigung (vgl. den Bericht der Süddeutschen Zeitung). Seitdem nimmt er zu den Anklage­punkten Stellung.

Schon jetzt ist klar, dass seine Aussagen auch Konsequenzen für das Verfahren gegen Victor Bout haben werden. Da Taylor behauptet, überhaupt keine Waffen nach Sierra Leone geschickt zu haben, weil die von ihm befehligten Truppen selbst unter akutem Waffenmangel litten, ist Bout sicherlich am Fortgang des Verfahrens interessiert.

Jean-Pierre Bemba, der einstige Vize-Präsident der Demokratischen Republik Kongo bzw. einstiger Rebellenführer im Kongo, scheint mit einer ähnlichen Prozessstrategie bereits einen ersten Erfolg gehabt zu haben. Nachdem vor einem Jahr ein Prozess gegen ihn eröffnet wurde, entschied der Internationale Strafgerichtshof nun, ihn vorläufig frei zu lassen, sollte sich ein Land finden, das bereit ist, ihn aufzunehmen. Auch in seinem Fall umfassen die zu klärenden Anklage­punkte zusätzlich noch Verstöße gegen UN-Sanktionen – also den Handel mit Waffen.

2. Interview mit Jürgen Grässlin: „Deutschlands tödlichstes Unternehmen begeht sein sechzigjähriges Jubiläum – und das ist kein Grund zum Feiern!“

Die Heckler & Koch GmbH (H&K) wurde im Dezember 1949 im schwäbischen Oberndorf am Neckar gegründet. Aufgrund der Verkaufserfolge ist H&K zu Europas größtem Pistolen- und Gewehrhersteller aufgestiegen. Unsere Fragen zu diesem weltbekannten Kleinwaffenhersteller beantwortet der Rüstungs­experte Jürgen Grässlin. Der Friedensaktivist und Autor setzt sich seit 25 Jahren kritisch mit der H&K-Geschäftspolitik auseinander und hat mit „Den Tod bringen Waffen aus Deutschland“ und „Versteck dich, wenn sie schießen“ zwei Bücher über die Oberndorfer Waffenschmiede verfasst.

1. In diesem Jahr feiert die Firma Heckler & Koch ihr sechzigjähriges Bestehen. Was gibt es zu feiern?

Aus Sicht des Unternehmens gibt es Rekord­zahlen zu feiern: beim Umsatz wie beim Netto­gewinn. Gegenüber dem Vorjahr ist der Jahres­umsatz im Geschäftsjahr 2008 um 25 Prozent auf die Rekordsumme von 185,7 Millionen Euro angewachsen. Durch Waffenverkäufe in alle Welt konnte der Nettogewinn auf 12,8 Millionen Euro gesteigert werden – das entspricht mehr als einer Verdoppelung gegenüber dem Jahr zuvor. Zum Vergleich: 2006 verbuchte H&K noch einen Umsatzeinbruch und Verluste in Höhe von 9,3 Millionen Euro. Die allgemeine Wirt­schafts­krise ist bei H&K kein Thema.

Aus Sicht der Opfer muss ich dagegen feststellen, dass mit Heckler & Koch Deutschlands tödlichstes Unternehmen sein sechzigjähriges Jubiläum begeht – und das ist kein Grund zum Feiern! Die Zahl der durch H&K-Waffen Getöteten beläuft sich seit der Firmengründung 1949 auf rund zwei Millionen Menschen, berechnet auf einem Weltmarktanteil von rund 12 Prozent. Derlei Opferzahlen sind in der Firmenzentrale offenbar kein Thema.

2. Wie erklärt sich diese immense Anzahl an Opfern durch den Einsatz von Kleinwaffen?

Gemäß Untersuchungen des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes sterben rund 63 Prozent – also zwei von drei Menschen – in Kriegen und Bürgerkriegen durch Gewehrkugeln. Mit den sich im Umlauf befindenden rund 11 Millionen Heckler & Koch-Waffen werden bei Kriegen und Bürgerkriegen Kombattanten, vor allem aber unschuldige Zivilistinnen und Zivilisten getötet. Die Heckler-Uhr tickt uner­bitt­lich: Seit rund fünfzig Jahren, also seit Aufnahme der Waffenproduktion, stirbt durch­schnitt­lich alle 14 Minuten ein Mensch durch eine Kugel aus einer Waffe, die von H&K entwickelt worden ist.

3. Können Sie ein konkretes Beispiel nennen, das das Ausmaß dieses Geschehens an­schau­lich macht?

Bei meinen Reisen in ehemalige Kriegsgebiete habe ich gleichermaßen mit Soldaten wie Zivilisten gesprochen. Ihre Aussagen sind deckungsgleich: Beispielsweise wurden im Bürger­krieg in der Türkei zwischen 1985 und 1999 rund 40.000 Kurdinnen und Kurden getötet, mehr als 36.000 von ihnen durch H&K-Waffen. Die türkische Regierung hat die massenhafte Tötung von PKK-Mitgliedern bestätigt. Sie verschweigt jedoch bis zum heutigen Tag, dass die meisten der Getöteten und der Verstümmelten unschuldige Kinder, Frauen und alte Männer sind, was ich bei meinen Recherchen vor Ort feststellen musste. Die PKK hat ihrerseits türkische Soldaten getötet, häufig mit erbeuteten G3-Schnellfeuergewehren und MP5-Maschinenpistolen, entwickelt von H&K und in Lizenz in der Türkei gefertigt.

4. Bitte nennen Sie einige Meilensteine der Firmengeschichte von Heckler & Koch.

Vor mittlerweile sechzig Jahren, am 28. Dezember 1949, gründeten drei Ingenieure der Oberndorfer Waffenfirma Mauser – Heckler, Koch und Seidel – das neue Unternehmen Heckler & Koch. Bereits zwei Jahre danach erfolgte die Vorführung des ersten Prototyps für das spätere G3-Gewehr vor dem spanischen Diktator Francisco Franco. Die erste G3-Lizenzvergabe erfolgte an das diktatorische Regime António de Oliveira Salazar in Portugal – allein diese Fakten, die sich beliebig fortführen ließen, belegen den Geist dieses Unternehmens.

Im Jahr 1958 erwarb der Bund die G3-Lizenz, das Schnellfeuergewehr entwickelte sich zur Standardwaffe der Bundeswehr. In einer CDU/CSU-SPD-FDP-Allparteienkoalition ver­ga­ben die Bundesregierungen in den sechziger und siebziger Jahren fünfzehn G3-Lizenzen zum Nachbau des Schnellfeuergewehrs an Portugal (1961), Pakistan (1963), Schweden (1964), Nor­wegen, Iran und die Türkei (1967), Saudi-Arabien (1969), Frankreich (1970), Thailand (1971), Brasilien (ca. 1976), Griechenland (1977) und Mexiko (1979). Des Weiteren wurden G3-Lizenzen an Myanmar/Birma, die Philippinen und Malaysia vergeben. Diese hemmungslose Lizenzvergabepolitik des Bundes, die damit verbun­denen unkontrollierbaren Nachbauten und die Reexporte an Drittländer erklären die heute grenzenlose Verbreitung des G3.

5. Schießen ausschließlich staatliche Trup­pen mit H&K-Waffen?

Ganz im Gegenteil. Nicht umsonst hat Heckler & Koch in Söldnermagazinen wie Soldier of Fortune für seine Waffen geworben. Aufgrund der Treffgenauigkeit schießen Söldner, Guerilla­einheiten und Terroristen mit H&K-Waffen. So schätzten bzw. schätzen der Sendero Luminoso in Peru, die FARC in Kolumbien und die PKK in Türkisch-Kurdistan die Qualität der von H&K-Ingenieuren entwickelten Kleinwaffen. Das Logo der deutschen RAF, der Roten Armee Fraktion, zierte eine MP5-Maschinenpistole. Die Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback in Karlsruhe erfolgte mit einem halb­auto­matischen Gewehr des Typs HK 43.

Im März 2003 wurde der serbische Minister­präsident Goran Djindjic mit einem G3-Scharfschützengewehr erschossen. Mit Fotogra­fien lässt sich der Einsatz von MP5-Maschinen­pistolen von Heckler & Koch bei Hamas-Kämpfern im Gaza-Streifen belegen. Bei Menschen­rechtsverletzungen seitens der Taliban im Grenzgebiet zwischen Pakistan und Afghanis­tan wurden Anfang 2009 H&K-Waffen eingesetzt. Die US-Söldnerfirma Blackwater setz­te Heckler & Koch-Gewehre im Irak- und im Afghanistan-Krieg ein.

6. Welche Aktionen gab es seitens der Friedensbewegung im H&K-Jubiläumsjahr schon, welche weiteren sind geplant?

Wir starteten unsere Kampagne „60 Jahre Heckler & Koch: Kein Grund zum Feiern!“ im März 2009 erfolgreich mit der „Maskerade des Todes“ in Oberndorf und Vorträgen im Kreis Rottweil. Daraufhin folgte die Übergabe von 14.500 Unterschriften der „Waldkircher Erklä­rung gegen Rüstungsexporte“ an Staatsminister Gernot Erler. Im Mai und Juni zeigten der WDR und weitere TV-Sender den Film „Allein gegen die Rüstungsindustrie“ mit Aktionen gegen Heckler & Koch und mit Opfern von H&K-Waffen.

Am 2. November findet die Rottweiler Filmnacht mit zwei Filmen zu H&K statt: Gezeigt werden sollen „Das G3 im Visier“ von Peter Ohlendorf,, und „Keine Kompro­misse“ von Jan-Hauke Hilberg. Am 17. November 2009 referiere ich auf Einladung der Friedensinitiative Horb zum Thema. Am 21. November „feiert“ die Friedensbewegung in Rottweil die H&K-Geburtstagsfeier. Am gleichen Tag startet die Theaterrundreise von Karzan Mehmud mit seinem Theaterstück „Der Auftrag“ in Rottweil. In der darauffolgenden Woche finden weitere Aufführungen in Freiburg und Villingen statt.

Alle Termine werden auf der RIB-Homepage (www.rib-ev.de) veröffentlicht.

7. Am 27. September 2009 findet die nächste Bundestagswahl statt. Wie beurteilen Sie die Politik vergangener Bundesregierungen be­züg­lich H&K, und was erwarten Sie von der neuen Bundesregierung?

Ein Blick in die Vergangenheit zeigt: Ganz legal, das heißt mit Genehmigung der jeweils amtie­renden Bundesregierung, belieferte Heckler & Koch mindestens 88 Staaten mit Waffen. Damit ist das Oberndorfer Unternehmen deutscher Rüstungsexportmeister. Sämtliche G3-Lizenzen wurden legal und teilweise sogar auf Betreiben der jeweiligen Bundesregierungen vergeben. Frühere Bundesregierungen, gleich welcher parteipolitischen Couleur, tragen damit massiv Mitschuld an der Globalisierung des Handfeuer­waffenmarktes.

Selbst der Regierungswechsel 1998 brachte nicht die erhoffte Wende. Als eine der letzten Amts­handlungen vergab die Bundesregierung unter Kanzler Helmut Kohl eine Lizenz für das HK33-Gewehr an die Türkei. Die rotgrüne Nachfolgeregierung von Gerhard Schröder und Joschka Fischer genehmigte die benötigte Lizenz für die 5,56 mm-Munition der HK33.

Unsere Forderung: Die neue Bundesregierung muss endlich einen Stopp von Kleinwaffen­exporten und entsprechen­­der Lizenzvergaben anordnen. Versäumt sie dies, macht sie sich mitschuldig am Morden mit der neuen Generation von H&K-Waffen – allen voran des G36.

8. Wieso schätzen Sie gerade das G36-Gewehr als derart gefährlich ein?

Das Sturmgewehr G36, die neue Standardwaffe bei Kriegseinsätzen der Bundeswehr, entpuppt sich als weltweiter Verkaufsschlager. Vor zehn Jahren bereits wurde eine erste Lizenz an die Waffenschmiede Empresa Nacional Santa Bárbara in Spanien vergeben. Inzwischen soll eine G36-Abwandlung in Mexiko gefertigt werden. Eine dritte Lizenz ging in den Mittleren Osten – was noch einiges Aufsehen erregen wird.

Inzwischen schießen Präsidentenwachen, Bun­des­polizeien sowie militärische Spezial­einheiten in mehr als 35 Ländern mit den unter­schiedlichen G36-Typen. Zu den Staaten, in denen das G36 eingesetzt wird, zählen beispiels­weise Brasilien, Großbritannien, Indo­ne­sien, Malaysia, Mexiko, die Philippinen, Singa­pur, Thailand und die USA. Vieles spricht dafür, dass das G36 auf dem Weltmarkt zum Sturmgewehr Nummer 1 avancieren wird. Kindersoldaten werden das Sturmgewehr aufgrund seines vermin­derten Gewichts schätzen lernen.

Für 2010 planen die DFG-VK und das Rüstungs­InformationsBüro gemeinsam mit befreundeten Friedensorganisationen, wie Ohne Rüstung Leben, die Kampagne „Stoppt das G36-Gewehr!“ Wollen wir Menschenleben retten, so darf sich das Schreckensszenario des G3 nicht mit dem G36 wiederholen.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Jürgen Grässlin ist Buchautor, Bundessprecher der Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK), Sprecher des Deutschen Aktionsnetzes Kleinwaffen Stoppen (DAKS) und Vorsitzender des RüstungsInformationsBüros. Er verfasste eine Vielzahl kritischer Sachbücher über die Rüstungs-, Militär- und Wirtschaftspolitik. Auf seiner Homepage www.juergengraesslin.com finden sich umfassende Hintergrundinfor­mationen zu Heckler & Koch und die Volltext­version seines Buches „Versteck dich, wenn sie schießen“ über die Opfer von H&K-Waffen in Somaliland und der Türkei sowie ein Firmen­porträt.

Kontakt: j.graesslin@gmx.de

3. Heckler & Koch: Vorgeschichte im „Dritten Reich“

von André Maertens

64 Jahre nach Kriegsende wird der Bundestag endlich ein Gesetz beschließen, das die so genannten Kriegsverräter pauschal rehabilitiert. Diskussionen um die moralische Verantwortung in den Jahren des „Dritten Reiches“ bzw. des Zweiten Weltkrieges werden ja immer weniger geführt und selten dort, wo es wichtig und interessant wäre. Die Deutsche Bahn etwa hat sich in den vergangenen Jahren vehement gewehrt, eine Ausstellung über die Deportations­züge in ihren Bahnhöfen zu zeigen. Diehl, Daimler-Benz und I.G. Farben sind weitere Negativbeispiele für einen verfehlten Umgang mit problematischen Firmengeschichten.

Über die Vorgeschichte von Heckler & Koch, heute einer der bedeutendsten Hersteller von militärischen Schusswaffen weltweit, wird ebenfalls zu wenig gesprochen. Am Standort Oberndorf hatte die Firma Mauser eine lange, bis ins Jahr 1811 zurückreichende Tradition in der Produktion von Schusswaffen – und schon damals wurde in alle Welt exportiert, davon zeugen allein die Namen der Fabrikgebäude „Schwedenbau“ und „Türkenbau“. Die Waffentechnologie von Mauser war ein echter Verkaufsschlager. Sowohl im Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg schossen deutsche Soldaten mit dem Gewehr 98 und dem Karabiner 98. Nachzulesen sind diese Informationen beispiels­weise in den Büchern von Jürgen Grässlin.

Nach 1933 wurden bei Mauser – entgegen den Bestimmungen des Versailler Vertrages – weitere Waffen für Wehrmacht und SS entworfen und gefertigt. Die Firma stieg zu einem der wich­tigsten Wehrmachtsbetriebe auf. Zu dieser Zeit entstand der Propagandabegriff „Sturm­gewehr“. Er geht zurück auf die so genannten „Sturmtruppen“ des Ersten Weltkriegs, eine Spezialeinheit des kaiserlichen Heeres, die nach Absolvierung einer besonderen Ausbildung, ausgerüstet mit den modernsten Waffen für spezielle Operationen im Vorfeld großangelegter Offensiven eingesetzt wurden. Kurz vor Ende des Krieges wurden diese Abteilungen dann auch mit den ersten verfügbaren Maschinen­pistolen ausgerüstet, die damals gerade ent­wickelt wurden – etwa der Maschinenpistole Bergman 18I. Die Truppen waren erkennbar an ihren charakteristischen Uniformabzeichen: einem silber­­nen Totenkopf an der Mütze – dasselbe Zeichen also, unter dem im Zweiten Weltkrieg die Totenkopfverbände der SS operieren sollten.

Wenn die neuartigen Waffen als Sturm­gewehre bezeichnet wurden, dann drückt dies noch mehr als den Kampfwert der Waffen aus. Es ist ein Kampfbegriff.

Einige der Wehrmachtswaffen wurden in den Jahrzehnten nach dem Krieg weiterentwickelt oder exportiert, z. B. die Pistole Walther PPK und das auch als „Hitlersäge“ bezeichnete Maschinengewehr MG42 (als MG1 und MG3 bei der Bundeswehr verwendet und von Rhein­metall produziert, in einer Firma also, die vordem Teil der „Reichswerke Hermann Göring“ gewesen war).

In den frühen 1940er Jahren liegen auch die technischen Ursprünge des G3, von jenem Gewehr, das ehemalige Mauser-Mitarbeiter nach Kriegsende u. a. im faschistischen Spanien entwickelten und das zum Standardgewehr der Bundeswehr wurde. Doch das G3 fand und findet sich vor allem auf unzähligen Schlacht­feldern weltweit sowie bei den Armeen von Dikatoren, etwa bei Pinochet, im Sudan, im Irakisch-Iranischen Golfkrieg und in Bosnien. Denn die Bundesregierungen der vergangenen Jahrzehnte betrieben mit Direktlieferungen und Lizenzvergaben Außenpolitik – der Bund besaß die Rechte an dieser Waffe. Mit den Folgeentwicklungen, vor allem mit der Maschinenpistole MP5 und in jüngerer Zeit mit dem Gewehr HK33, verdiente dann nur Oberndorf Geld. Mit im Boot war über viele Jahre hinweg die bundeseigene Firma „Fritz Werner, Geisenheim“, die Waffen- und Munitionsfabriken baute. Über viele dieser Geschäfte lässt sich in den Berichten und Artikeln von Roman Deckert Substantielles finden.

Heckler & Koch tritt heute als ein moderner und weltgewandter Technologiekonzern auf. Die Verstrickung von H&K-Mitarbeitern in die Verbrechen des „Dritten Reiches“, die nach­folgende Verseuchung vieler Nationen mit automatischen Schusswaffen und die gegen­wärtige Verantwortung, beispielsweise im so genannten Krieg gegen den Terror, bleiben unaufgeklärt – staatlich gewollt. Die Firmen­gründer Edmund Heckler, Theodor Koch und Alex Seidel – alle Anfang des letzten Jahr­hunderts geboren – hatten den Zweiten Welt­krieg als erwachsene Männer erlebt und während dieser Zeit zum Teil bei Mauser oder dem Rüstungskonzern HASAG gearbeitet. Als die Allierten nach dem Krieg das Waffenproduk­tions­verbot aufhoben, schwenkten sie wieder auf die Fertigung von Kriegswaffen um und be­lieferten eine Armee, deren Befehlshaber oft Offiziere der Wehrmacht gewesen waren. Im Jahr des 60-jährigen Bestehens der Firma sollte man sich dieser Vergangenheit öffentlich stellen statt zu feiern.

 

4. Weitere Links

IANSA verweist auf eine Änderung der Schweizer Armeevorschriften, mit denen weitere tödliche Zwischenfälle mit Armeegewehren vermieden werden sollen:

http://www.vtg.admin.ch/internet/vtg/fr/home/aktuell/wachtd.html

Der Belgier Jacques Monsieur, ein international tätiger Waffenhändler, der auch mit Kleinwaffen handelte, wurde in den USA verhaftet:

http://projects.publicintegrity.org/bow/report.aspx?aid=155

Unter Protest der Friedensbewegung besuchte der Bundesverteidigungsminister am 15. Sepember 2009 die Oberndorfer Waffenfirmen und verharmloste dort den Export von Waffen:

http://www.nrwz.de/nrwz/oberndorf/00028873

Eine von Laura Will recherchierte Liste in der Internetausgabe der ZEIT zeigt, wie oft in den vergangenen fünfzehn Jahren Mitglieder von Schützenvereinen andere Menschen mit Schusswaffen getötet haben:

http://www.zeit.de/online/2009/37/liste-todesfaelle-schuetzen

Updated: 4. Oktober 2009 — 16:28
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