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Panzerbauer kennen keine Krise

Unter dem Titel „RÜSTUNGSINDUSTRIE – Ein bombensicheres Geschäftsmodell“ schreibt das Handelsblatt am 14.6.2010:            Bilder der aktuellen Rüstungsprojekte

Trotz Finanzkrise und Kürzungen bei den Rüstungsausgaben laufen die Geschäfte der deutschen Panzerbauer gut. Die Branche konnte sich noch vor der Sparwelle dicke Verträge sichern. Das am Schutz der Soldaten gespart werden soll, kann man sich dort ohnehin nicht vorstellen.

von Holger Alich und Markus Fasse

PARIS/MÜNCHEN. Der Auftritt ist martialisch: Panzer recken ihre Kanonen den Besuchern entgegen; über ihnen dröhnen Kampfhubschrauber. „Willkommen auf der Eurosatory“, der größten Messe für Heeresausrüstung der Welt, die heute vor den Toren von Paris ihre Pforten öffnet.

Die Rüstungshersteller fürchten derzeit vor allem einen Gegner: den Rotstift. Frankreich dürfte bis zu fünf Mrd. Euro aus seinem Wehretat herausschneiden, in Deutschland sollen es vier Mrd. Euro sein. Der französische Branchenverband Gicat ruft die Politik bereits dazu auf, diese Industrie nicht totzusparen. EADS-Chef Louis Gallois fürchtet um Stückzahlen bei Hubschraubern, Kampflugzeugen und Transportern.

Die deutschen Panzerbauer Rheinmetall und Krauss Wegmann-Maffei (KMW) bleiben dagegen überraschend gelassen. Sie setzen auf ein dickes Auftragspolster und den Export: „Der Bedarf an geschützten Fahrzeugen wird weltweit zunehmen“, sagt Frank Haun, Geschäftsführer von KMW. Mit Singapur haben die Münchener in diesem Jahr ihren ersten Großkunden in Asien an Land gezogen.

Zuversicht auch bei Rheinmetall: „Unser Auftragseingang wird auch mittelfristig höher sein als der Umsatz“, sagt CEO Klaus Eberhardt und erklärt: „Rheinmetall liefert Rüstungsgüter in 80 Länder, diese Internationalisierung macht uns von den europäischen Rüstungsetats weniger abhängig.“

Hierzulande hat die Branche es zudem geschafft, sich kurz vor der großen Sparwelle zwei Megaaufträge zu sichern, die Rheinmetall und KMW eine Grundauslastung für die kommenden Jahre sichern. Noch in diesem Jahr beginnt die Auslieferung von 272 Transportpanzern vom Typ Boxer. Ende 2009 bestellte die Bundeswehr 405 Schützenpanzer vom Typ Puma für drei Mrd. Euro. Kürzungen fürchten die Hersteller nicht. „Ich kann mir schwer vorstellen, dass am Schutz der Soldaten gespart wird“, sagt KMW-Chef Haun mit Blick auf die Kämpfe in Afghanistan.

WestLB-Analyst Wolfgang Fickus teilt die Einschätzung: „Der Puma hat gute Chancen für einen Exportauftrag aus den USA. Industriepolitisch wäre es fatal, würde Deutschland das eigene Produkt durch Kürzungen jetzt infrage stellen.“

Das Geschäft mit der Bundeswehr macht nur noch 30 Prozent aus, ist aber Türöffner für den Export. Noch in diesem Jahr will die US-Regierung über einen ersten Teilauftrag eines neuen „Combat Ground Vehicle“ entscheiden. Die Deutschen rechnen sich im Verbund mit den US-Partnern SAIC und Boeing gute Chancen aus. „Klar ist, dass ein Fahrzeug wie der Puma gesucht wird“, sagt KMW-Chef Haun.

Kämen die Deutschen zum Zug, lockte ein gigantischer Markt: Branchenschätzungen sehen inklusive Folgeaufträge ein Volumen von bis zu 40 Mrd. Dollar bei der US Army. Wettbewerber sind BAE Systems und Nothrop Grumman sowie General Dynamics.

Solche Perspektiven sind wichtig, weil nur neue Produkte und Märkte das Überleben sichern. Denn der schwere Kampfpanzer Leopard, einst das Paradestück der Branche, kommt in die Jahre – die Bundeswehr reduziert ihre Bestände, die beiden letzten Produktionsaufträge für Spanien und Griechenland sind ausgelaufen.

Viel erhoffen sich die Panzerbauer daher vom sogenannten AMPV, einem geschützten Mehrzweckfahrzeug, das die Bundeswehr ab 2012 anschaffen könnte. Sehr zum Ärger der deutschen Haus- und Hoflieferanten bestellte die Bundeswehr eine erste Tranche beim Schweizer Anbieter Mowag, einer Tochter des US-Konzerns General Dynamics. Der deutsche AMPV-Entwurf wartet hingegen immer noch auf eine Zertifizierung. In der Zwischenzeit verdient KMW gut an kleineren gepanzerten Fahrzeugen wie dem Dingo. Diesen hat das Unternehmen bereits 800-mal verkauft.

Trotz guter Geschäfte bleibt aber die Frage: Wie lange wird sich Deutschland noch zwei Anbieter von Heerestechnik leisten? „Eine nationale Konsolidierung steht nicht auf der Tagesordnung“, wiederholt KMW-Chef Haun gebetsmühlenhaft. Verbünden werden sich die Münchener trotzdem, womöglich jenseits des Heimatmarktes: „Wir werden uns dieses Jahr im Markt bewegen“, kündigte er vielsagend an.

Updated: 15. Juni 2010 — 22:35
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