RüstungsInformationsBüro

Informationen zu Waffenproduktion und Rüstungsexporten

DAKS-Newsletter September 2015 ist erschienen!

Ilegale Lieferungen deutscher Waffen nach Mexiko? Bisher wurde eine solche Geschichte vor allem mit Heckler & Koch in Verbindung gebracht. Plötzlich jedoch werden ähnliche Vorwürfe gegen SIG Sauer erhoben. Und auch über den Fall eventuell illegal geliferte Waffen von Walther nach Kolumbien gibt es neue Entwicklungen. Mehr dazu im neuen Newsletter!

Außerdem: Welche Zukunft hat das G36 in der Bundeswehr und durch welche Waffen könnte es eventuell ersetzt werden? – Auch dazu mehr im Newsletter.

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DAKS-Newsletter September 2015

120 Ausgaben des DAKS-Kleinwaffen-Newsletters: Dank an unsere UnterstützerInnen!

10 Jahre und 120 Ausgaben später gibt es ihn noch und er gibt Informationen und Meinungen zur Kleinwaffenproblematik: der DAKS-Newsletter. Und dies vor allem, weil es über die Jahre Organisationen und Einzelpersonen gab, die uns mit Geld und auch mit inhaltlichen Beiträgen unterstützt haben. Dafür sind wir dankbar und nehmen es als Verpflichtung, weiter über die Geschäfte der Waffenproduzenten und Waffenhändler zu berichten, genauso wie über diejenigen zu sprechen, die mit den Waffen schießen. Wichtiger aber noch ist es, denjenigen eine Stimme zu geben, die unter der Kleinwaffen-Schwemme oder besser -Pest leiden, die sich (unter anderem von Deutschland) immer noch weiter über die Welt ausbreitet. Verantwortung im politischen und wirtschaftlichen Handeln klagen wir ein! Firmen wie Heckler & Koch, SIG Sauer, Walther und viele andere mehr dürfen nicht ungestört ihre tödlichen Geschäfte betreiben dürfen.

Wir möchten Sie an dieser Stelle dazu aufrufen, neu oder weiter als UnterstützerIn dieses Newsletters aktiv zu sein – ob mit Finanzmitteln, Texten oder konkreten Aktionen vor Ort! Informationen und Aktionen gegen Waffenhandel tun not, wir berichten darüber.

Mit besten Grüßen

Fabian Sieber und André Maertens

SIG Sauer ist angezeigt: illegale Lieferungen nach Mexiko nachweisbar

Mexiko: Ein Auftragsmörder eines Drogenkartells hatte unter anderem zwölf Morde mit einer Waffe der Firma SIG Sauer gestanden. Eine dieser Erschießungen wurde sogar von einer Überwachungskamera gefilmt: der Mord an der Menschenrechtsaktivistin Marisela Escobedo, verübt am 16. Dezember 2010 auf dem Platz vor dem Gouverneurspalast von Chihuahua. Nach der Festnahme des vermutlichen Täters fand die Polizei heraus, dass er mit dieser Waffe, einer P239, wohl elf weitere Menschen erschossen hat. Nach erfolgreichen Recherchereisen wurde SIG Sauer Ende August 2015 von Jürgen Grässlin und dem Rechtsanwalt Holger Rothbauer bei der Kieler Staatsanwaltschaft angezeigt. Der Vorwurf: illegal Waffen nach Mexiko geliefert zu haben. Die jetzige Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft Kiel lautet zusätzlich auf Mord, Tötung der Menschenrechtsaktivistin, da die Firma zumindest billigend in Kauf genommen hat, dass durch die nicht genehmigten Lieferungen u. a. genau der Todeswaffe die Frau getötet wurde. Die Staatsanwaltschaft Kiel hat deshalb auch für beide Delikte jeweils ein Aktenzeichen vergeben (einmal Verstoß gegen AWG und einmal wegen Mord, Totschlag). – Für die Deutsche Welle berichtete auf der internationalen Ebene Ben Knight.

Dass die Pistole von der Eckernförder Firma überhaupt nach Mexiko kam, ist wieder einmal ein Indiz dafür, dass die deutsche Rüstungsexportkontrolle nicht existiert: Die Firma beruft sich auf die Produktion im US-Bundesstaat New Hampshire und nimmt an, dass die betreffende Waffe von dort nach Mexiko gelangt sei – und das Unternehmen ist so dreist, sich mit dem unsinnigen Argument zu verteidigen, dass dafür keine deutsche Exportgenehmigung nötig sei (unsinnig deswegen, weil die US-Tochter zu 100 Prozent dem deutschen Mutterunternehmen gehört). Doch noch ist der Standort der Produktion und damit auch der Lieferweg nicht abschließend geklärt, Jürgen Grässlin nimmt an, dass die Waffe eben doch aus Deutschland kam – und damit definitiv auf gesetzeswidrige Weise. Er sagt weiter, die Firma habe Urkunden gefälscht und gegen das Außenwirtschaftsgesetz verstoßen.

Und dies ist bei weitem nicht die einzige illegale Waffe von SIG Sauer in Mexiko: Im vergangenen Jahr sind anscheinend Tausende solcher Waffen aus den USA ins Land gekommen (die mexikanische Regierung selbst spricht von über 7.000 Waffen aus der US-Filiale seit dem Jahr 2000). Mittlerweile hat die deutsche Bundesregierung bzw. das Bundesausfuhramt für Exportanträge von SIG Sauer in Drittstaaten einen Genehmigungsstopp verhängt und die Firma hat von sich aus erklärt, zumindest von der Kriegswaffenproduktion zurückzutreten und damit auch vom Export. – Weitere Vorwürfe des Rechtsbruchs gegen diese Firma befassen sich mit Waffenlieferungen nach Kolumbien, Kasachstan und in den Irak. (Aufgrund der Recherchen, die für den ARD-Dokumentarfilm „Waffen für die Welt“ von Daniel Harrich getätigt wurden, erstatteten Jürgen Grässlin und Holger Rothbauer am 21. Februar 2014 Anzeige wegen illegaler Lieferungen nach Kolumbien via USA, woraufhin das Exportverbot durch die BAFA ausgesprochen wurde.)

Über die Mexiko-Geschäfte berichteten am 30. August 2015 Thomas Reutter und Daniel Harrich im Weltspiegel. Sie hatten Interviews mit MenschenrechtsaktivistInnen in Mexiko geführt und geben einen Einblick in die alltägliche Gewalt in Mexiko. Sie weisen darauf hin, dass deutsche Waffenfirmen sowie vermutlich auch mexikanische Behörden ihre Mitverantwortung für die Verbrechen tragen müssen – auch wenn sie dies (noch) ignorieren.

Für die taz berichtete Wolf-Dieter Vogel ebenfalls am 30.08. über diese blutigen Waffengeschäfte. – Sehr zu empfehlen: das am 24. September erschienene Buch „TerrorZones. Gewalt und Gegenwehr in Lateinamerika“, das sich aus unterschiedlicher fachlicher Perspektive mit der Gewalt in Mexiko befasst. AutorInnen sind Anne Huffschmid, Wolfgang Kaleck, Christian Mihr und Wolf-Dieter Vogel. Herausgegeben wurde der Band, der Analysen, Reportagen und Interviews enthält, u. a. von Anne Huffschmid und Wolf-Dieter Vogel (Verlag: Assoziation A, ISBN 978-3-86241-447-5a, 240 Seiten, 18 Euro). „TerrorZones“ zeigt nicht nur die vielen Facetten der extremen staatlichen und parastaatlichen Gewalt in Mexiko und Lateinamerika. Dieses Buch geht auch der Frage nach, wie Menschen unter solchen Bedingungen leben, und wie es ihnen möglich ist, neue Gemeinschaften zu bilden und gegen den Terror aufzubegehren.

KMW-Nexter: Die Fusion geht weiter

Nachdem das Bundeskartellamt die Fusion von KMW und Nexter unter rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten genehmigt hatte (siehe: DAKS-Newsletter 8/2015), steht nun die Prüfung nach den Vorgaben des Außenwirtschaftsgesetzes an. Ob sich der endgültige Zusammenschluss dadurch verzögern wird, wie teilweise in der Presse befürchtet, bleibt jedoch abzuwarten: Auch diese Prüfung ist zunächst reine Routine, nachdem alle erforderlichen Unterlagen beim zuständigen Wirtschaftsministerium eingegangen sind, wird eine Bearbeitungszeit von etwa einem Monat erwartet. Da die Bundesregierung über die Vertragsverhandlungen informiert wurde, scheint auch diese Prüfung eher einen Verwaltungsakt, denn ein tatsächliches Prüfungsverfahren darzustellen. Bisher ist es das Ziel, den endgültigen Zusammenschluss – das Inkrafttreten der unterzeichneten Verträge – bis Ende des Jahres zu bewerkstelligen. An diesem Zeitplan scheinen derzeit keine Änderungen erforderlich zu sein.

Walther-Pistolen in Kolumbien? Die „Welt am Sonntag“ berichtet

Heinz Krischer hat am 27. September 2015 für die konservative Zeitung „Welt am Sonntag“ über einen Fall von Waffenhandel berichtet, bei dem Walther, ein Tochterunternehmen der Arnsberger Umarex-Gruppe, illegal Pistolen in das Bürgerkriegsland Kolumbien geliefert haben soll. Dies hat nun zu Ermittlungen der Staatsanwaltschaft geführt. Unter der Überschrift „Ein Mordsgeschäft mit Medellin?“ ist über die Geschäftspraktiken der Firma Walther zu lesen – etwa vom Jahresbericht 2013, der ein Umsatzplus von nahezu 45 Prozent gegenüber dem Vorjahr benennt, so Krischer. Walther-Pistolen werden von Polizisten in verschiedenen deutschen Bundesländern eingesetzt, finden sich aber auch weltweit – in Kriegsgebieten und Krisenregionen. Weiter berichtet der Artikel über den Fund von Pistolen dieser Firma in Kolumbien, einem der gefährlichsten Bürgerkriegsländer seit Jahrzehnten. Pistolen des Typs Walther P99 und Walther P22 seien nach Kolumbien geliefert worden, wird Jürgen Grässlin, Sprecher der bundesweiten Kampagne „Aktion Aufschrei“, zitiert. Bereits letztes Jahr sei Anzeige erstattet worden, nun ermittele die Staatsanwaltschaft in Stuttgart. Krischer weiter: „Auf Anfrage teilt das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) zu den Walther-Waffen mit: ‚Genehmigungen für Waffenlieferungen bzw. der Lieferung von Technologie zum Bau dieser Waffen nach Kolumbien sind seit 1993 nicht erteilt worden.‘“ Doch auf einer Preisliste des staatlichen kolumbianischen Rüstungskonzerns Indumil aus dem Jahr 2008 sei eine ganze Reihe von Walther-Waffen zu finden. Zitiert wird in dem Bericht ebenfalls Ralf Willinger, Referent für Kinderrechte bei „terre des hommes“, der über die Gräueltaten im kolumbianischen Konflikt spricht – sehr oft wohl auch begangen mit Walther-Pistolen. Derweil weist die Firma eine Schuld zurück. Dabei gab es vor einigen Jahren bereits Strafurteile gegen Walther-Mitarbeiter. Geschäfte mit Richtung Lateinamerika wurden über die Schweiz abgewickelt, etwa nach Guatemala, schreibt Krischer. Und er zitiert abschließend Holger Rothbauer, der die Strafanzeige gegen die Firma Walther bei der Staatsanwaltschaft eingereicht habe: „Die Firma hätte im Rahmen der Endverbleibserklärung nach der Außenwirtschaftsverordnung das endgültige Zielland – in diesem Fall also Kolumbien – angeben müssen“. Wenn der Waffentransfer über die USA gelaufen sei, sei dies „ein klar gewolltes und geplantes Umgehungsgeschäft“.

Ein weiterer illegaler Kleinwaffen-Deal, aus Deutschland.

Keine Zukunft: Die Bundeswehr beschließt die Ausmusterung der G36-Gewehre

Als die Bundeswehr Ende August bekannt gab, rund 600 Schnellfeuergewehre des Typs G27P/HK417 und 600 leichte Maschinengewehre des Typs MG4/HK MG43 beschaffen zu wollen, war klar, dass es sich hierbei nur um eine Zwischenlösung – so etwa die Süddeutsche Zeitung – handeln kann: Den Soldaten, die an Waffen von Heckler & Koch ausgebildet wurden, wird ein alternatives Gewehr zur Verfügung gestellt, das nicht über die dem G36 zugesprochenen Probleme verfügt, das aber bereits bei der Bundeswehr eingeführt ist. Dadurch können die Waffen schnell an die im Kampfeinsatz stehenden Soldaten ausgegeben werden und diese müssen künftig nicht mehr auf das G36-Gewehr zurückgreifen.

Jetzt, kaum zwei Wochen später, findet diese Einschätzung eine Bestätigung, insofern nun erklärt wird, dass das G36-Gewehr mittelfristig tatsächlich ausgemustert werden soll. Strategie und Technik, eine einschlägig bundeswehrnahe Zeitschrift, formuliert äußerst diplomatisch, die Entscheidung, das G36 aus dem Verkehr zu ziehen, habe „die politische Führung im Einvernehmen mit der militärischen Führung der Bundeswehr“ getroffen. Die bereits im Jahr 2010 begonnenen Planungen zur Ablösung des G36-Gewehrs treten damit in eine neue Phase: In den kommenden Monaten muss von Seiten der Bundeswehr nicht mehr auf die Ausmusterung des G36-Gewehrs gedrungen werden, stattdessen wird nun ein technischer Forderungskatalog erstellt werden, aus dem hervorgeht, was die neue Waffe alles können soll und wie hoch der prognostizierte Bedarf der Bundeswehr sein wird. Bis November sollen diese Planungen abgeschlossen sein. Auf Grundlage dieser Daten wird dann eine Ausschreibung erfolgen, auf die interessierte Unternehmen reagieren können. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt wäre es bloße Spekulation, wie diese neue Waffe aussehen könnte. Es ist jedoch auffällig, dass der gesetzte Zeitrahmen verhältnismäßig eng zu sein scheint: Bereits im Jahr 2019 soll das G36 endgültig ausgemustert werden und die ersten neuen Waffen ausgegeben werden. Vier Jahre scheinen äußerst kurz bemessen, wenn in dieser Zeit ein neues Gewehr entwickelt werden müsste. So scheint es zumindest möglich, dass geplant ist, den Zuschnitt der neuen Waffe an Hand von bestehenden Modellen zu entwerfen, so dass potentielle Hersteller existierende Typen lediglich modifizieren müssten, um sich an der Ausschreibung zu beteiligen.

Inwiefern Heckler & Koch in der Lage wäre, sich um das Projekt zu bewerben, ist unklar, da nicht bekannt ist, an welchen Neuentwicklungen HK derzeit arbeitet. Andererseits ist die massive Kritik, die in den vergangenen Monaten auch von Seiten der Bundeswehr an HK geübt wurde, auffallend. Sollte trotz der verschiedenen Vorwürfe Heckler & Koch zum Zuge kommen, so wäre dieser Vorgang in hohem Maße erklärungsbedürftig. Dies gilt insbesondere deshalb, da mit dem geplanten Ausscheiden des G36 die Probleme mit HK-Waffen nicht behoben sind. So verzögert sich derzeit die Auslieferung von Maschinengewehren des Typs MG5, da es bei der Abnahme der durch Heckler & Koch hergestellten Waffen zu Unregelmäßigkeiten gekommen sein soll. – Hierzu berichtet der bundeswehrkritische Blog Augengeradeaus.

Offene Zukunft: Was kommt nach dem G36?

Die Entscheidung, das G36-Gewehr auszumustern, kam nicht unerwartet und doch stößt der Beschluss in der interessierten Presse auf einiges Unverständnis. Eckhard Fuhr schrieb für die Welt eine Glosse, deren Titel „Die nutzlose Suche nach der wahren Wunderwaffe“ diesen Beitrag zusammenfasst. Der Schwarzwälder Bote gibt zu bedenken, dass die Vorgänge, die zur Ausmusterung des G36 geführt haben, wohl nie restlos aufgeklärt werden können. Andererseits sei es zu begrüßen, dass sich HK kämpferisch zeige und angekündigt habe, sich an der neuen Ausschreibung beteiligen zu wollen. Bleibt also alles beim Alten? Ist die Ausschreibung eine Farce, da es gegenwärtig keine technisch „bessere“ Waffe gibt und Heckler & Koch als unangefochtener Hoflieferant der Bundeswehr ohnehin den Auftrag erhalten wird?

Gewiss ist eine solche Entwicklung möglich. Dennoch scheint es angemessen, die Situation differenzierter zu betrachten. Das G36 ist seit 1997, also seit nahezu zwei Jahrzehnten bei der Bundeswehr im Einsatz. Seine Entwicklung fiel in eine Zeit, in der die Bundeswehr noch keine Armee im Einsatz war – wie heutigentags –, und seine technischen Spezifikationen richteten sich an den Erfordernissen eines konventionellen Krieges in Mitteleuropa aus. Nicht an internationalen Einsätzen in asymmetrischen Kriegen.

Mittlerweile gibt es eine ganze Reihe von Waffen-Entwürfen, die auf die veränderten Einsatzbedingungen, unter denen die NATO-Armeen kämpfen, zu antworten versuchen. Auslöser hierfür war eine Ausschreibung des US SOCOM aus dem Jahr 2004, in der Waffenhersteller gebeten wurden, Waffenentwürfe einzureichen, die über verschiedene Wechselsysteme verfügen. Lauf und Verschluss der Waffe sollten dabei mit geringem technischen Aufwand ausgewechselt und durch entsprechende Bauteile in einem anderen Kaliber ersetzt werden können. Ein und dieselbe Waffe kann dadurch Munition in verschiedenen Kalibern verschießen. Auf relativ hohe Schussdistanzen wie etwa in den Kriegen in Afghanistan und im Irak könnte großkalibrige Munition im Kaliber 7,65 NATO zum Einsatz kommen. Auf kürzere Schussdistanzen, wie etwa im Häuserkampf, könnte der einzelne Soldat eine Waffen-Variante im Kaliber 5,56 NATO wählen, wodurch er befähigt wird, mehr Munition oder zusätzliche Waffen mit sich zu führen. Aus militärischer Sicht bietet eine solche Waffe verschiedene Vorteile: Die einzelnen Soldaten müssen nicht an verschiedenen Waffen ausgebildet werden, können aber faktisch Waffen in verschiedenen Kalibern zum Einsatz bringen; es muss lediglich eine Waffe beschafft werden, die dann jedoch schnell und kostengünstig auf verschiedene Einsatzszenarien hin umgebaut werden kann; und schließlich ist sogar der Verwaltungsaufwand geringer, da eine Waffe, mit nur einer Serien-Nummer, faktisch mehrere Waffen in verschiedenen Kalibern repräsentieren kann.

Die belgische Firma FN (vgl. DAKS-Newsletter 07/2008) setzte sich mit ihrem Entwurf, dem FN SCAR (Special Operations Forces Combat Assault Rifle) durch. Obwohl der Siegerentwurf nicht mehr ganz so ambitioniert ist – ausgewechselt werden kann nur der Lauf, wodurch zwar unterschiedliche Lauflängen, nicht aber unterschiedliche Kaliber zum Einsatz kommen können –, betrat der Entwurf doch technisches Neuland und löste eine Art Innovationsschub aus. Die Beschaffung der Waffe durch das US-Militär weckte auch in den europäischen Armeen gewisse Begehrlichkeiten und verschiedene Rüstungshersteller sahen sich genötigt, auf diese Nachfrage mit eigenen, entsprechenden Entwürfen zu reagieren. So präsentierte die italienische Firma Beretta im Jahr 2007 mit dem ARX 160 einen Entwurf, der sich eng an dem Konzept anlehnt, wie es im FN SCAR entwickelt wurde. Hier wie dort kann der Lauf der Waffe schnell und ohne bzw. mit geringen Hilfsmitteln ausgewechselt werden, wodurch die Waffe an verschiedene Einsatzszenarien angepasst werden kann. Hinzu kommt, dass Beretta mit dem GLX-160 auch noch eine Granatwaffe entworfen hat, die modular an das ARX-160 angebaut werden kann. Beide Waffen sind aufeinander abgestimmt und können sowohl gemeinsam als auch unabhängig voneinander eingesetzt werden. Weitere technische Modifikationen der Waffe scheinen derzeit noch möglich, da der endgültige Beschluss zur Beschaffung des Gewehrs durch die italienische Armee derzeit noch nicht getroffen ist.

Das tschechische Schnellfeuergewehr CZ-805 BREN ist in dieser Hinsicht bereits einen Schritt weiter: Nachdem sich der tschechische Hersteller CZ mit seinem 2009 vorgestellten Entwurf in einer Ausschreibung der tschechischen Armee gegen das FN SCAR des belgischen Mitbewerbers durchgesetzt hatte, begann die Beschaffung der Waffe durch das tschechische Militär im Jahr 2011. Auch das CZ-805 BREN ist eine so genannte „Multikaliberwaffe“, deren Läufe rasch und mit geringem Aufwand ausgewechselt werden können. Der Entwurf scheint auch für Kunden außerhalb des tschechischen Militärs interessant: Im Jahr 2014 hat die mexikanische Polizei Waffen dieses Typs im Wert von rund 6,7 Millionen Euro gekauft und es wird kolportiert, ägyptische Sicherheitskräfte hätten Interesse an der Waffe geäußert.

Die US-Firma Colt, die mit ihrem Entwurf für die SCAR-Ausschreibung gescheitert war, hat die damals eingereichte Waffe noch einmal überarbeitet und als CM 901 im Jahr 2010 der Öffentlichkeit vorgestellt. Diese Waffe ist in der Tat in der Lage, verschiedene Kaliber zu verschießen, da die Waffe mit geringem Aufwand und innerhalb kurzer Zeit vom Kaliber 5,56 NATO auf das Kaliber 7,62 NATO umgerüstet werden kann.

Polen und Indien haben ebenfalls Interesse an entsprechenden Waffen formuliert, die endgültige Fertigstellung der Entwürfe steht derzeit jedoch noch aus.

Angesichts dieser Entwicklung scheint das G36-Gewehr in der Tat nicht mehr ganz auf der Höhe der technischen Entwicklung zu stehen. Der Entwurf ist 20 Jahre alt und zu einer Zeit entstanden, in der der Adaptierbarkeit von Waffen auf verschiedene Kampfsituationen noch keine Beachtung geschenkt wurde. Die im Rahmen des „Kriegs gegen den Terror“ geführten Kämpfe haben das Bewusstsein des Militärs in dieser Hinsicht verändert und in weiterer Folge zu neuen technischen Entwürfen geführt. Es ist wenig überraschend, dass die Bundeswehr an dieser Entwicklung Anteil haben und ein neues Standardgewehr einführen möchte. Die Art und Weise, wie die Beschaffung durchgesetzt wurde, ist jedoch überraschend! Und: Es bleibt abzuwarten, ob Heckler & Koch sich tatsächlich mit einem zeitgemäßen Entwurf an der Ausschreibung beteiligen kann. Entsprechende Entwürfe sind derzeit nicht bekannt, so dass die Vermutung naheliegt, dass sich das Unternehmen eher mit einem Entwurf auf der Basis des HK 417, das schon heute als G27 bei der Bundeswehr verwendet wird, ins Feld wagen wird. Das Unverständnis, mit dem auf den Beschluss des Verteidigungsministeriums reagiert wird, ist deshalb nur zu einem Teil gerechtfertigt. Und der Enthusiasmus, mit dem in Oberndorf teilweise auf die zu erwartende Ausschreibung gehofft wird, wird hoffentlich keine weitere Nahrung finden.

Ein neuartiges Waffen-Sicherungssystem?: Die Anti-Islamisten-Sicherung

Waffensicherungen gibt es mittlerweile viele auf dem Markt: Die weitreichendsten Entwürfe empfehlen komplexe biometrische Sicherungen, um zu garantieren, dass eine Schusswaffe nur von ihrem berechtigten Besitzer verwendet werden kann. Eine völlig andere Frage hat sich jedoch der US-amerikanische Waffenhersteller Spike’s Tactical gestellt. Auch dieser Hersteller von Kleinwaffen sorgt sich um die Sicherheit der von ihm verkauften Systeme. Diese Sorge ist insbesondere deshalb berechtigt, da das Unternehmen neben halbautomatischen Waffen auch Schnellfeuergewehre für den Behördenmarkt herstellt. Es ist nicht bekannt, dass das US-Militär zu den Kunden von Spike’s Tactical gehört, es scheint jedoch möglich, dass im Ausland tätige Sicherheitsanbieter – also Söldner-Firmen – zum Kundenstamm gehören. Das Rüstungsunternehmen stand nun vor der Herausforderung, wie die Kundenzufriedenheit erhöht werden kann. Die Lösung ist einfach: durch eine Waffensicherung, die garantiert, dass das Schnellfeuergewehr von keinem islamistischen Terroristen verwendet wird und deshalb nie gegen seinen Besitzer eingesetzt werden kann. Die „Lösung“ des Unternehmens ist bestechend einfach: In den Magazinschacht der Waffe wird auf der rechten Seite der Bibelvers Psalm 144,1 eingraviert: „Gelobt sei der Herr, der mein Fels ist, / der meine Hände den Kampf gelehrt hat, meine Finger den Krieg.“ Und auf der linken Seite ist ein Kreuz in einem Wappenfeld abgebildet, das einem Kreuzritter-Schild verdächtig ähnlich sieht. Eine auf diese Weise christlich gesegnete Waffe, wird wohl von keinem Islamisten auch nur angeschaut, geschweige denn benutzt werden. So die Hoffnung des Herstellers und der Käufer. Die Waffe mit dem Namen Crusader – also Kreuzfahrer – wird für 1395 US-Dollar bzw. rund 1240 Euro angeboten. Potentielle Interessenten müssen sich derzeit jedoch leider etwas gedulden, da aufgrund der hohen Nachfrage momentan eine Art Lieferengpass besteht. Die Auslieferung bestellter Waffen verzögert sich laut Firmenwebsite um etwa zwei Wochen.

Leider handelt es sich bei diesem Produkt nicht um einen geschmacklosen Scherzartikel, sondern um eine reale Waffe, die auf Basis des M4-Systems funktioniert: Kaliber 5,56 NATO, Kadenz etwa 750 Schuss pro Minute, Gewicht (leer) rund 2,5 kg, Lauflänge 36,8 cm.

Weil das so ist, haben die Konstrukteure von Spike’s Tactical tatsächlich etwas Wegweisendes entwickelt, denn nun gibt es endlich ein „christliches“ Äquivalent zum „Steinzeit-Islam“: Willkommen im Steinzeit-Christentum!

Updated: 29. September 2015 — 22:44
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