ZEIT-Leserbrief zum Krieg in Afghanistan

August 13, 2007

Wir haben ein Fass ohne Boden aufgemacht
Jochen Bittner: „Wettlauf um Afghanistan“, “Die Zeit” Nr. 31

Die Aufstockung des Engagements in Afghanistan wäre militärpolitisch ein Desaster. Die zunehmende Ablehnung der deutschen Bevölkerung kommt zwar aus dem Bauch, gleichwohl kann man sie auch sachlich begründen. Militärisch und humanitär haben wir ein Fass ohne Boden aufgemacht. Einen Waffengang gegen die gebündelten Mächte in Afghanistan können wir nicht gewinnen. Die Russen sind mit einer viel größeren Streitmacht gedemütigt worden – und wir haben keine besseren Krieger.
Alle Fachleute, einschließlich der Afghanen, bemängeln die Ineffektivität der westlichen Wiederaufbauhilfe. Gemessen an den Werten, ist das Vorzeigbare gering. Eine wie auch immer geartete Koordination der Maßnahmen der 60 Geberländer findet nicht statt.
Die Drogenfrage ist zwar nicht alles, aber alles ist nichts, wenn sie nicht geklärt wird. Über 90 Prozent des Bruttosozialproduktes machen die Drogen aus. Zu Zeiten der Schreckensherrschaft der Taliban war der Mohnanbau verboten. Vor der russischen Invasion konnte sich Afghanistan autark ernähren.
Eine westliche Militärallianz kann mit roher Gewalt einem geschickt operierenden Gegenüber nicht standhalten, weil mindestens der Blutzoll zu hoch wäre. Denn nur im Kampf Mann gegen Mann wäre eine kriegerische Auseinandersetzung zu gewinnen. Unsere Soldaten sind dazu noch nicht in der Lage. Dies kann ich mit Nachdruck belegen, denn ich war selbst 2005/2006 in Kabul täglich unterwegs. Die seit fast zwei Jahren andauernde Bunkermentalität des Bundeswehrkontingentes sollte einer Armee im Einsatz wesensfremd sein. Übrigens kommt vom Gesamtkontingent, bei niedrigerer Sicherheitsstufe nur jeder zehnte Soldat jemals aus dem schützenden Lager!

Uwe Lamp, Springe
Oberstleutnant D.R.

Leserbrief aus: “Die Zeit” Nr. 33 vom 9.8.2007, S. 39

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