
Von Kurt Bangert (1)
Bei allem berechtigten Gerede über die potentielle Gefahr von Massenvernichtungswaffen wie atomare, biologische oder chemische Waffen wird oft übersehen, dass die meisten Menschen nicht von ABC-Waffen, sondern von so genannten „Kleinwaffen“ getötet werden. Mehrere hundert tausend Menschen dürften jedes Jahr dem Einsatz von Kleinwaffen zum Opfer fallen (2). So harmlos der Begriff klingt, so gefährlich und verheerend sind die Auswirkungen ihrer weiten Verbreitung.
Kleine Waffen – tödliche Wirkung: So könnte man das Problem umschreiben. Mindestens 500 Millionen Kleinwaffen gibt es in der Welt (3). Und die Zahl wächst ständig, weil immer neue Waffen produziert, exportiert und verbreitet – aber nur wenige verschrottet werden. Die meisten Waffen werden legal hergestellt und verkauft, meist von Regierung zu Regierung. Dennoch gelangen viele von ihnen immer wieder auf illegale Weise in unbefugte Hände. Das Problem der Kleinwaffen ist ihr heimlicher Übergang von der Legalität zur Illegalität.
Obwohl westliche Industrienationen sich gerne als Friedensmacher gerieren, stellen sie doch selbst die meisten Kleinwaffen her, um sie ins Ausland zu verkaufen. Oft sind es auch ausrangierte, veraltete Modelle, die von Industrienationen an andere Länder verschenkt werden. 1996 wurden beispielsweise 40.000 Sturmgewehre von Österreich an einen Schweizer Zwischenhändler veräußert, der sie an afrikanische Staaten und andere Waffenhändler weiterverkaufte (4). Auch die deutsche Bundesregierung beteiligt sich an solchen Schenkungen – Ende 1992 / Anfang 1993 wurde ein Großteil der ausrangierten NVA-Waffen der Türkei überlassen. Dazu gehörten mehr als 300.000 Kalaschnikows mit insgesamt 100 Millionen Schuss Munition, 5.000 Maschinengewehre und 5.000 Panzerfäuste des Typs RPG 7 mit 250.000 Schuss Munition. In Medienberichten ist zu lesen, dass die Waffen aus dieser Lieferung später im Irak und in Aserbaidschan aufgetaucht sind.
Die meisten Kleinwaffen gibt es in den USA, wo erst vor kurzem der als „Sniper“ bekannte John Allen Muhammad und sein junger Freund John Lee Malvo alle paar Tage willkürlich, aber gezielt Menschen töteten und so eine ganze Nation wochenlang in Atem hielten. Schätzungen zufolge befinden sich zwischen 40 und 250 Millionen Kleinwaffen im privaten Besitz amerikanischer Haushalte. Hatte Präsident Clinton noch angekündigt, schärfere Waffengesetze in den USA anzustreben, so dürfte seine Initiative längst wieder vom Tisch sein, nachdem zwei Drittel der amerikanischen Waffenbesitzer die Demokraten bei der Präsidentschaftswahl mit ihrem Stimmenentzug abstraften.
In Deutschland, wo 2,3 Millionen Menschen einen Waffenschein besitzen, gibt es mindestens sieben Millionen Kleinwaffen. Manche Schätzungen sprechen von bis zu 20 Millionen, einschließlich der Restbestände aus dem Zweiten Weltkrieg. Nachdem im April dieses Jahres ein ehemaliger Gymnasialschüler in Erfurt 14 Lehrer, zwei weitere Personen und schließlich sich selbst erschossen hatte, war der Ruf nach Konsequenzen laut geworden. Aber ebenso schnell legte sich mit der Aufregung auch der politische Wille für schärfere Kontrollen und drastische Einschränkungen des Waffenbesitzes.
Was versteht man unter Kleinwaffen? International unterscheidet man gewöhnlich zwischen kleinen und leichten Waffen. Kleine Waffen (englisch: small arms) sind Pistolen, Gewehre und leichte Maschinengewehre, die von einer einzelnen Person gehandhabt werden können. Sie sind buchstäblich „kinderleicht“ zu bedienen und können deshalb problemlos von Kindern als Tötungswaffe eingesetzt werden.
Unter leichten Waffen (englisch: light weapons) versteht man schwere Maschinengewehre, tragbare Raketenwerfer, Luftabwehrgeschütze und leichte Granatwerfer. Im deutschen Sprachgebrauch werden beide Gruppen unter dem Sammelbegriff Kleinwaffen zusammengefasst.
Kleinwaffen sind im Vergleich zu großen konventionellen Waffensystemen kostengünstig – wenn auch ebenso tödlich. Sie lassen sich leicht transportieren – und verstecken. Ihre Handhabung ist schnell erlernbar. Sie sind robust und sind einfach zu reparieren. Darüber hinaus lassen sie sich problemlos über Grenzen schmuggeln und in illegale Waffen verwandeln.
Nach dem Ende des Kalten Krieges, der ja auch von der Furcht vor den nuklearen Waffenarsenalen gekennzeichnet war, hat sich das Gefahrenpotential mehr und mehr hin zu den Kleinwaffen verschoben. Seit Anfang der 90er Jahre hat es jedenfalls zunehmend innerstaatliche Konflikte gegeben, die meist regional begrenzt sind und nicht von regulären Armeen, sondern von Rebellenarmeen, Guerillakämpfern und illegalen Gruppen ausgefochten werden, die ihre Kämpfer zuweilen zwangsrekrutieren und häufig auch Kindersoldaten einsetzen. Schwere Waffensysteme spielen in diesen Konflikten kaum eine Rolle, wohl aber die kleinen und leichten Waffen, deren tödliche Wirkung und Bedrohung ganze Landstriche verunsichern und in ihrer Entwicklung zurückwerfen.
Besonders schlimm ist die Situation in Afrika, wo finanzschwache Regierungen es sich nicht leisten können, in jeder entlegenen Region ihr Machtmonopol auszuüben, um lokale Kriegsherren im Zaum zu halten. Ein Beispiel ist die Demokratische Republik Kongo – flächenmäßig würde sie von Kopenhagen bis Athen reichen –, die in weiten Teilen des Landes nicht von der Hauptstadt Kinshasa aus, sondern von regionalen Warlords oder ausländischen Staaten wie Uganda oder Ruanda kontrolliert wird.
100 Millionen Kleinwaffen soll es allein in Afrika geben. Bei einer Bevölkerung von rund 500 Millionen hätte somit jeder fünfte auf dem schwarzen Kontinent eine tödliche Waffe. Dabei spielen Waffen in manchen Gesellschaften traditionell eine besondere Rolle. Viele Hirtenvölker tragen seit Jahrhunderten Speere und Pfeile zum Schutz der Herden bei sich. Doch der technische Fortschritt hin zu automatischen Waffen entwickelt heute seine ganz eigene, todbringende Dynamik. Darüber hinaus sind Waffen auch Ritualgegenstände, sind Kennzeichen von Reichtum und vermitteln dadurch Ansehen in der Gemeinschaft oder dienen als Wertanlage für schlechte Zeiten – in Ermanglung von Banken in ländlichen Gebieten.
Ein zunehmendes Problem in Afrika oder Lateinamerika ist das, was man „Gewaltkultur“ nennen könnte: Aufgrund jahrelanger bewaffneter Konflikte, wie in Sierra Leone, Liberia, Südsudan, Angola oder Kolumbien, wurden normale Lebensstrukturen zerstört, so dass Wirtschaft und Handel weitgehend zum Erliegen gekommen sind. Seit Jahren kennen viele junge Männer nichts als den bewaffneten Kampf. Und selbst nach dem Ende eines Konfliktes lassen sich solche Jugendliche, die nicht zur Schule gegangen sind und keinen Beruf gelernt haben, leicht wieder als Rebellen oder Söldner rekrutieren. Was sie nicht durch eigene Arbeit erwerben können, erzwingen sie sich oft mit vorgehaltener Waffe. „Ganze Gesellschaften versinken so in einem Strudel eskalierender Gewaltkriminalität“, so Wolf-Christian Paes (5).
Die bekannteste kleine Waffe dürfte die AK 47 sein, die Mikhail Timofeevich Kalaschnikow entwarf. Der russische General erfand diese automatische Waffe „im festen Glauben daran, dass sie nur für die Verteidigung seines Landes eingesetzt wird.“ Sie ist heute verbreitet wie kaum eine andere Waffe. Auch in Afrika. In Uganda oder im Südsudan kann man eine gebrauchte AK 47 für den Preis eines Huhns kaufen. Und weil dort für Joseph Kony, den Anführer der Lord’s Resistance Army (LRA), eine Kalaschnikow ebenso viel wert ist wie ein Menschenleben, hat er Mitte der neunziger Jahre einmal 100 Kalaschnikows für 100 entführte Mädchen eingekauft (6).
Auch in Afghanistan und Pakistan findet man die AK 47 zuhauf. Die Paschtunen, die auf beiden Seiten der Grenze leben, haben eine lange Tradition, sich mit Waffen nicht nur zu schmücken, sondern im Bruderkrieg oder gegen die Ungläubigen einzusetzen. Im Grenzgebiet werden billige Kalaschnikows nachgebaut, die wie das Original aussehen, aber bei Gebrauch schon mal selbst explodieren. Jedenfalls wird es nicht leicht sein, diese Jahrhunderte alte Gewaltkultur zu ändern und eine Kultur des Friedens und der Versöhnung zu etablieren.
Um das enorme Konfliktpotential von Kleinwaffen zu reduzieren, bedarf es konstruktiven Umdenkens und entschiedenen Handelns. Hier stehen Friedensinitiativen gegen die hartgesottenen Profitinteressen der Waffenproduzenten. Darum formieren sich nichtstaatliche Organisationen, um gegen eine mächtige Waffenlobby anzugehen. International wurde das „International Action Network against Small Arms“ (IANSA) mit Sitz in London gegründet, ein loser Zusammenschluss von nationalen Netzwerken, die sich für Aufklärung und Abrüstung von Kleinwaffen einsetzen.
Hier zu Lande trat vor wenigen Wochen ein neu gegründetes Deutsches Aktionsnetz Kleinwaffen Stoppen (DAKS) an die Öffentlichkeit, dessen Ziel es ist, über die Problematik aufzuklären, die weite Verbreitung von deutschen Kleinwaffen zu verhindern und die internationale Kontrolle von Kleinwaffen zu verbessern. Dazu hat sich DAKS eine Plattform gegeben. Derzeit arbeitet sie an der Formulierung von politischen Forderungen.
Die Bundesrepublik Deutschland zählt zu den führenden Produzenten, Exporteuren und Lizenzgebern von Kleinwaffen: Allein sieben bis zehn Millionen G3-Gewehre der Oberndorfer Waffenfirma Heckler & Koch und ihrer 15 ausländischen Lizenznehmer finden sich weltweit im tödlichen Einsatz. Durch den Einsatz allein dieser Schnellfeuergewehre werden jährlich unzählige Menschen verstümmelt oder erschossen.
Die Bundeswehr wird zur Zeit mit dem Nachfolgegewehr G36 ausgestattet. Erste Rüstungsexporte und die Lizenzvergabe an Spanien für dieses neue Maschinengewehr lassen eine Entwicklung wie beim G3 befürchten. Unterdessen hat die Bundesregierung mit der Verschrottung der 400.000 überschüssigen G3-Gewehre begonnen. Es erscheint dringend geboten, diese Altbestände restlos zu vernichten statt zu exportieren.
Der weltweite Kampf gegen die Verbreitung und den Missbrauch von Kleinwaffen wird ein steiniger Weg sein, der Jahre dauern wird und nur dann Erfolg verspricht, wenn die Mehrheit der Menschen erkennt, dass optimale Sicherheit nicht mit Waffen, sondern nur mit dem festen Willen zum Frieden und zur Versöhnung möglich ist.
1 Kurt
Bangert, WORLD VISION Deutschland e.V., ist Gründungsmitglied
des „Deutschen Aktionsnetz Kleinwaffen Stoppen“ (DAKS),
das im September 2002 offiziell gegründet wurde; er ist auch
Berater der Eminent Persons Group (EPG), einer internationalen Initiative
von Politikern, die sich gegen die Verbreitung von Kleinwaffen einsetzen.
2 Die Initiative „Ohne Rüstung Leben“
schätzt, dass täglich 1.000 Menschen aufgrund von Kleinwaffen
sterben.
3 Der „Kleinwaffenbericht 2002“ des
Graduate Institute of International Studies (Genf) spricht von 500
bis 800 Millionen.
4 Wolf-Christian Paes, Kleine Waffen – Tödliche
Wirkung. Dossier Nr. 35, Wissenschaft und Frieden, Ein Beitrag des
BICC in Zusammenarbeit mit UNICEF, S. 6.
5 Paes, S. 5.
6 Diese Information verdanke ich Thomas D., der
mehrere Jahre als Gefangener und Zwangsarbeiter bei der Lord’s
Resistance Army (LRA) gelebt hat.