
SÜDWESTPRESSE, Tagblatt (Tübingen), Horber Ausgabe 13.12.2004
Das G3 im Visier“ – ein Gewehrtypder Oberndorfer Firma „Heckler & Koch“ als Massenvernichtungswaffe. „Auslandsreporter“ Peter Ohlendorf vom gleichnamigen Südwest-3-Fernsehmagazin hat den ehemaligen Sulzer Realschullehrer und Rüstungs-Gegner Jürgen Grässlin (Archivbild) bei seinen Recherchen begleitet. Die halbstündige Reportage am vergangenen Mittwoch begann im Klassenzimmer. In der Unterrichtseinheit beschäftigten sich Lehrer Jürgen Grässlin und seine Schüler mit kriegerischen Computerspielen. Im Vordergrund des Monitors: eine Gewehrmündung. Mit der mäht der „Spieler“ alle Menschen nieder, die sich ihm in den Weg stellen.
Was in Deutschland „gespielt“ wird, ist anderswo Realität. Allein das G3, der Bestseller der Firma „Heckler & Koch“, fordere alle 14 Minuten ein Todesopfer, sagt Jürgen Grässlin in dem Beitrag – bei einer Protestaktion vor dem Oberndorfer Werkstor. Waffen, die bei „Heckler & Koch“ entwickelt worden sind, hätten 1,5 Millionen Menschen das Leben gekostet.
Wie sich das G3 im Einsatz bewährt, darüber berichteten im Fernseh-Beitrag beispielsweise türkische Kurden. Die Türkei produziert das G3 in Lizenz und hat es den Augenzeugen-Berichten zu Folge gegen die kurdische Zivilbevölkerung eingesetzt. Jürgen Grässlin traf eine Frau, die mit ihren Kindern aus ihrem Heimatdorf vor den türkischen Soldaten fliehen musste. Der Vater? Gefallen. „Auslandsreporter“ fasste die Situation wie folgt zusammen: „Kinder, die keine Zukunft haben, und eine Mutter, die allein gelassen wird mit den Folgen eines Krieges.“ Von einem „gnadenlosen Vernichtungsfeldzug“ der türkischen Soldaten wird berichtet. Jürgen Grässlin nennt das G3 „die Killer-Waffe Nummer 1 in Türkisch-Kurdistan“.
Die Reise mit Jürgen Grässlin führt den „Auslandsreporter“ nach Somaliland. Ein afrikanisches Land, das sich nach einem Bürgerkrieg von Somalia abgespalten hat. Polizisten erzählen, dass die Schergen des früheren Diktators Siad Barre mit dem G3 ausgerüstet gewesen seien – die Somaliländer haben viele der Waffen erbeutet. Selbst augenscheinliche Zivilisten kennen sich mit den Waffen-Typen aus. Mancher hat ein G3 unterm Bett.
Menschen berichten von „bestialisch wütenden Spezialtruppen“ des Ex-Diktators Barre, die mit Maschinengewehren vom Typ M16, mit Kalaschnikows und eben den Sturmgewehren G3 ausgerüstet gewesen seien. Eine junge Frau führt Jürgen Grässlin zu der Stelle, an der ihre Mutter auf der Flucht mit ihren Kindern erschossen wurde. Das Kamera-Team zeigt Männer, die das Grauen des Krieges nicht verdrängen konnten, Aggressions-Anfälle haben und mangels psychologischer Hilfe schlicht an Ketten gelegt werden – teilweise in zentralen Einrichtungen, teilweise zu Hause. Ein einbeiniger Mann schildert, wie ihm mit einem G3 Gewehr das heute fehlende Bein zerfetzt wurde. Seine Kameraden erbeuteten die Waffe, er zeigt sie dem Fernseh- Team: ein G3 aus englischer Lizenz-Produktion, wie Jürgen Grässlin feststellt.
Der „Auslandsreporter“ geht zurück nach Oberndorf, wo die Protest-Aktion vor dem Werktor vom Werkschutz und der Polizei beendet wird. Die Firmen-Leitung war zu keinem Gespräch mit dem SWR-Team bereit und der Beitrag endet wie er begonnen hat: im Klassenzimmer – verbunden mit dem Hinweis, dass die Waffe vom Typ G36 der nächste Exportschlager der Oberndorfer Waffenfirma sein dürfte.
Die nächste Waffen-Generation wird von „Heckler & Koch“ zusammen mit anderen Firmen entwickelt – im Computerspiel ist die tödliche Erfindung schon im Einsatz: das OICW. Die Waffe vereinigt laut einer Söldner-Homepage im Internet eine „modifizierte Version des HK G36 Sturmgewehrs“ und ein „Hochexplosiv-Modul (HE), das ein halbautomatischer 20-Millimeter- Granatwerfer ist“. Die „effektive Reichweite“ wird mit 1000 Metern angegeben. Die Söldner sind begeistert: „Das Ziel-Suchsystem besitzt einen lasergestützten Entfernungsmesser, der die genaue Entfernung für die Explosiv-Projektile ermittelt und an das Zündgebersystem weiterleitet. Die Splitterwirkung dieser Projektile ist enorm und durchschlägt Personen- Panzerwesten.“ Der Tod – ein Meister aus Oberndorf. pub
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